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Affengeil

Lotti Huber, die Göttliche der Berliner Szene, verkündet in Rosa von Praunheims neuem Film frohe Botschaft: den unerschütterlichen Glauben an sich selbst. Mit nicht enden wollendem Jubel bezeugte das Publikum in der Vorstellung, die ich sah (Hof 1990), seinen Dank für diese populäre Heilslehre. Ein großes JA! sich selbst gegenüber, und weggeblasen sind alle Hemmungen, Bedenklichkeiten und (Selbst-)Zweifel. Mut zusprechen, Lebensenergie nutzen, be positive ... Es ist wahr, daß Lotti Huber Antworten weiß, aber keine Fragen hat, und trotzdem sind wir in keiner dieser modischen Lebenshilfe-Institutionen, die Rat geben, wie man sich verwirklicht, Freunde und Geld macht. Denn Lotti Huber vermeidet in AFFENGEIL etwas über Nutzen, Wert oder Ziel ihrer filmlangen Unterweisung zu sagen; es gibt nichts einzuhandeln, wohl aber gilt es, eine Haltung zu übernehmen, nämlich das imponierende Sendungsbewußtsein dieser Hohepriesterin, und das mit dem offensichtlichsten Vergnügen.

 

Diese menschenfreundliche Lehre der Nähe, ertüchtigend für den Alltag, wird von Lotti Huber verkörpert. Nichts trennt die Person von ihrer Berufung. Zehn Jahre hat Lotti Huber Zeit gehabt, sich in Praunheims Filmen zu entwickeln - von UNSERE LEICHEN LEBEN NOCH (1981) über HORROR VACUI (1983/84) und ANITA - TÄNZE DES LASTERS (1987). Endlich, in AFFENGEIL, ist sie die unangefochtene Herrscherin im Lande der unterhaltenden Fürsorge, und Praunheim, eigentlich doch der Meister auf diesem Terrain, ist auf dem Rückzug; immer wieder versucht er, Präsenz zu zeigen, aber ach, er bekommt rabiate Antworten auf Fragen, die er nicht gestellt hat, und dann ist er still.

 

Am Schluß der Hofer Vorstellung warf Lotti Huber CDs, LPs und gar ein Printerzeugnis in die Masse der ausgestreckten Hände und erinnerte nachdrücklich daran, daß es etwas zu kaufen gab und gibt. Das aber nährte nur die allgemeine Euphorie, denn eben noch, im Film, hatte sie demonstriert, daß die Verkaufsstrategie eine persönliche Antwort auf eine persönliche Sinn-, Lebens- und Existenzkrise war. Die Kamera zeigte den Tresen im Berliner Kaufhaus, und Lotti Huber führt vor, wie sie sieben Jahre dahinterstand, Schnapsproben ausschenkte und für eine Schnapsfirma warb. Sie brach alle Verkaufsrekorde. Damals war sie schon über sechzig, ihr Mann, der Colonel Huber, war gestorben, und sie hatte nach britischem Recht keinen Anspruch auf Pension oder sonst eine Versorgung. - AFFENGEIL zeigt Lotti Huber, wie sie erzählt. Und tanzt. Und singt. Und sich erinnert. Sie kramt in alten Fotos, sie sucht nach Spuren ihrer großen Liebesgeschichte in Kiel, ihrer Geburtsstadt. Von dort war sie, die Jüdin, mit dem Sohn des Oberbürgermeisters nach Berlin übergesiedelt. Ihr Geliebter, wegen Rassenschande verurteilt, wurde in der Untersuchungshaft erschossen; sie selbst kam ins KZ.

 

Für Lotti Huber ist diese ungeheuerliche Geschichte kein Schicksalsschlag, der sie hätte zermalmen oder doch zu lebenslangem Leiden verdammen müssen. Sie erzählt davon, als ob es eine von vielen anderen Anekdoten wäre, - allein bestimmt, ungebrochenen Optimismus: Lebenswillen zu demonstrieren. Kein Opfer sein! Kein Mitleid wollen! Zuversicht ausstrahlen! - Vielleicht tut der Film AFFENGEIL so gut, weil er das genaue Gegenteil der deutschen Betroffenen- und Wehleidfilme ist. Unvorstellbar, daß jemand auf die Idee käme, im Namen Lotti Hubers, der Betroffenen, den Mund aufzumachen. - Daß es zwar sehr nett, aber auch allzu einfach ist, wie uns der Film über die Liebes-, Tod- und KZ-Szene hinweghelfen will, demonstriert Lotti Huber in diesem Film selbst. Denn einmal, gegen jeden Vorsatz, bleibt sie sprachlos. In einer dokumentarisch gedrehten Park-Sequenz fällt sie aus der Rolle, als ein unbelehrbarer Rentner sie mit antisemitischen Sprüchen vollabert. - Sie wendet sich ab, zutiefst verletzt, hier, an dieser Stelle, ein Opfer. Und niemand kommt ihr zu Hilfe, keiner vom Team, auch der Regisseur nicht.

 

Vor der Videokamera, auch in einigen 16mm-Szenen, erfahren wir, wie die Heldin überlebte, in Palästina tingelte, vor König Faruk auftrat, auf Zypern ein Hotel eröffnete, nach dem Krieg in Berlin Benimmunterricht erteilte, Ausdruckstanz lehrte, literarischen Kitsch aus dem Englischen übersetzte. - Als Selbstdarstellung ist AFFENGEIL ein Dokumentarfilm, am Spiel gemessen bietet er ein Höchstmaß individueller Unterhaltung, und, trotz allem Gedruckse, ich will es nicht leugnen, AFFENGEIL schlägt mich in Bann.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 1/91

 

Affengeil

BRD 1990. R u. B: Rosa von Praunheim. K: Klaus Janschewsky, Mike Kuchar. Sch: Mike Shephard. M: Maran Gosov, Thomas Marquard. A: Volker März. Pg: Rosa von Praunheim-Film/WDR/SFB. V: Filmwelt. L: 87 Min. DEA: Hofer Filmtage 1990. St: 10.1.1991. D: Lotti Huber, Rosa von Praunheim, Helga Sloop. Gertrud Mischwitzky, Thomas Woisching, Hans Peter Schwade, Frank Schäfer.

 

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