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Les affaires publiques

 

In der Folge von "tit" for "tat" gewinnt noch das Chaos des Slapstick Struktur; kindisch gewiss, das sagen schon die Wörter in Babysprache, primitiv gewiss, wie Auge um Auge und Zahn um Zahn. Aber noch von dieser Minimal-Ordnung des "tit" und des "tat" gibt es in Robert Bressons Debüt, der Slapstick-Komödie "Les affaires publiques", keine Spur. Es beginnt mit Marschmusik, es geht - durchaus vergleichbar der "Duck Soup" der Marx Brothers - um Staatsaffären, diese aber werden getanzt und gesungen und alles klingt aus mit einem schrillen Schrei, einer Flasche, die nie und nimmer zerbricht und einem Vorhang, der ein Ende macht, wo die Logik keines fände.

 

Vielleicht könnte man sagen, es geht in "Les affaires publiques" ums In-Unordnung-Geraten. Der Marsch kommt aus dem Takt. Die Soldaten tanzen vor davonrutschender Kulisse torkelnd eine Art Menuett. Die Flasche, die nicht zerbricht, trifft diesen und jenen, aber ohne die Struktur der Vergeltung. Am Ende versenkt sie, in den Rumpf geschossen, das ganze Schiff. Der Film, im Umfeld des Surrealismus entstanden, nimmt keinerlei Rücksicht und überlässt sich selbst einem Gleiten und Rutschen der Schnitte und Bilder, das keinen Halt kennt und - in gewisser Weise - kein Ziel. Im Chaos, das er anrichtet, sucht der Film nicht die Form der Kritik an politischen Verfehlungen. Vielmehr zerstört er mit Lust das Politische, vielmehr: das Öffentliche, schlechthin als Auftritts- und Darstellungsform. (Gewiss ist das kindisch und primitiv, aber radikal doch darin, dass es sich dieser Absicht ohne Rücksicht und Halt überlässt.)

 

Im Zentrum der militärisch-politischen Feierlichkeiten, die "Les affaires publiques" zelebriert und zerlegt, steht die Enthüllung einer Statue. Ein sitzender Mann, der den linken Arm von sich streckt - und gähnt. Erst wird der Politiker, der das Denkmal enthüllt, angesteckt, imitiert die Pose des Gähners und gähnt und steckt so alle anderen an. Nicht "tit" for "tat", sondern das Gleiten und Rutschen einer epidemischen Infektion. Alle gähnen, alle fallen in Schlaf und das Flugzeug trudelt vom Himmel. Die Schnitte, die wie ein Wischen sind, Wischblenden entsprechend nicht selten, fallen wie Dominosteine, "tit" und "tit" und "tat" und "tat". Mit List und Tücke werden in Einzelbildern Subjekte und Objekte lädiert und lächerlich gemacht. Aufs Ganze gesehen aber inszeniert Bressons Debüt das Rutschen und Entgleiten von Ordnung als Form.

 

Ekkehard Knörer

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in:

 

Les affaires publiques

Alternativtitel: Beby inauguré, Public Affairs

Frankreich 1934

Länge: 25 min

Schwarzweiß

Regie: Robert Bresson

Drehbuch: Robert Bresson

Darsteller: Beby, Andrée Servilanges, Marcel Dalio, Gilles Margaritis, Simone Cressier, Jane Pierson, Franck Maurice, André Numès Fils, Jacques Beauvais, Eugène Stuber  

 

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