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Adams Äpfel

 

Ein gegen den Strich gebürsteter Heimatfilm. Aus Dänemark. Eine Kirche. Ein Apfelbaum. Fünf Schauspieler. Alles. Aber alles ist immer anders. Im Kino hab ich unkontrolliert gelacht. Über mich. Weil wieder eine dieser Unverschämtheiten gezündet hat.

 

Regisseur Anders Thomas Jensen fabuliert auf engstem Raum, - Nein, so geht es eben nicht los. Anfangs kommt man in eine Resozialisierungidylle und denkt, so blauäugig, wies dort zugeht, das darf doch bitte nicht wahr sein. Bis dann irgendwann, Finger schnalz, die Erleuchtung kommt: es ist halt auch nicht wahr. Das Wort Erleuchtung ist übrigens nicht zu hoch gegriffen, wir finden uns zwischen Kirche und Apfelbaum in einem biblischen Gleichnis wieder. Nicht umsonst schlägt sich das Alte Testament, das Adam testweise auf den Boden wirft, jedesmal beim Buch Hiob auf. Daß dieses Gleichnis lachhaft ist, ist dem Film angelegen. In der Schlußszene nimmt sich Fabulator Jensen selbst auf den Arm. Ein Liebespaar! Eine Hochzeit! Das darf doch nicht wahr sein!

 

Aber nicht weiter rumgeredet. Adam ist Skin, Neonazi, straffällig und Titelheld des Films. Außerdem hat er Bewährung mit der Auflage, drei Monate in der von Pastor Ivan betreuten Wohngemeinschaft zu verbringen. Als erstes hängt er sein Hitlerbild auf. Einer der Resozialisierungsprobanden fragt: "Ist Hitler dein Vater?" Antwort: "Nein, meiner hatte einen Vollbart".

 

Ja. So ist es. Diese vertrackten hinterfotzigen Dialoge sind von der Art, daß man trotzdem lacht. Hier hält sich ein Film mitnichten an die allgemeine Verabredung. "Hast Du ein Ziel?", fragt Pastor Ivan. "Ich will Kuchen backen, Apfelkuchen". Okay, tun wir alles, daß der Nazi zum Ziel kommt. 80 Raben sitzen im Baum und hacken in Adams Äpfel? Sie müssen vom Baum geschossen werden. Sonst kann unser Nazi nicht seine Erlöser-Rolle spielen. Richtig gehört. Nazi erlöse uns von dem Übel. Er tut solches. Ob freiwillig und ob ein Gehirntumor was Übles sein muß, laß ich hier lieber im Nebulösen.

 

Adams Kameraden erscheinen und machen den Resozialisierungsprobanden Khaled, den Araber, an: "Nigger!". Wieder kommt es anders, als beim Zuschauer programmiert. Ist Kahled Opfer? Wird er es? Iwo. Er ist Täter, und zwar auch einer mit Ziel. Nachts geht er Tankstellen ausrauben. Um Statoil zu schädigen. Und was die Nazigang für eine ist, kriegt sie in ihrem Vokabular zu hören: "Schwuchteltruppe!". Außerdem schießt er Adams Kameraden mit der Räuberpistole Löcher in den Bauch. Und wenn man jetzt meint, daß all das für die Aufenthaltsbewilligung abträglich ist, so ist er Ausländer, der eben nicht bleiben will. "Ich will weg aus Schwuchtelland".

 

Also gut. Ich will nicht alles erzählen. Wohl aber mich begeistern darüber, daß ich den Film hindurch ständig meine vorgefaßte Meinung änderte. Ein Reinigungsbad auf die trockene Tour. Eine Erlösung! Kennen gelernt habe ich prima Schauspieler, die in Dänemark längst berühmt sind. Und einen provokanten Regisseur, der diesen vertrackten närrischen Humor hat, "'cause we're living in a world of fools / Breaking us down / When they all should let us be / We belong to you and me" (Barry, Robin und Maurice Gibb in "Adams Äpfel").

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist erschienen in ähnlicher Form auch in der taz

 

Adams Äpfel

Dänemark 2005 - Originaltitel: Adams Æbler - Regie: Anders Thomas Jensen - Darsteller: Ulrich Thomsen, Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Paprika Steen, Nicolas Bro, Ali Kazim, Gyrd Løfqvist, Lars Ranthe, Ole Thestrup - Länge: 93 min. - Start: 31.8.2006

 

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