zur startseite

zum archiv

Abendanzug

 

Eine Dreieckskomödie mit melodramatischen Untertönen. Antoine (Michel Blanc) liebt Monique (Miou-Miou). Monique liebt Bob (Gerard Depardieu). Bob liebt Antoine. Bob also ist schwul, außerdem kriminell. Die Drei gehen daher einbrechen sowie miteinander ins Bett. Das schafft dem Trio die gehörige finanzielle und sexuelle Basis. Boß Bob verfällt jedoch dem Machtrausch. Er verkauft Antoine an einen Homosexuellen und Monique an einen Zuhälter. Das geht nicht ohne Mord und Totschlag ab. Jahre später gehen alle drei zusammen anschaffen, Antoine und Bob im Fummel. Der Umsatz ist mehr als mäßig. Die krude Story bricht immer wieder ins bös Absurde aus. Sicherlich ist das der Reiz des Films. Die Ausrutscher ins Groteske, Tragische und Melodramatische sind unverkennbar Stil dieser Komödie, eine Art optischer Rhetorik. Ganz so unverbindlich schnurrt die Handlung jedoch nicht dahin. Irritiert wird nur derjenige sein, der säuberlich zwischen Farce und Ernsthaftigkeit unterscheiden möchte. Der ABENDANZUG schillert mordsmäßig.

 

Schwierigkeiten macht die verbale Rhetorik. Endlose Dialoge treiben den Film voran. Sie tragen den Film. Derbe, zotige, frivole, aber auch poetische und lyrische Sätze prasseln aus den Kinolautsprechern. Und an diesem zentralen Punkt, an dem das Dauer-Parlando stimmen müßte, scheitert der Film oder sagen wir besser scheitert die Synchronisation (die Originalfassung habe ich nicht gesehen). Denn was einen exzessiven Redefluß ergeben müßte, zerfällt zur banalen Sabbelei, zum bloß aufgesetzten Geschimpfe, zur pseudopoetischen Reflexion, zum peinlichen poetischen Erguß. In der deutschen Sprache des Films klingen die Sätze viel zu schwer, ums Komödiantische zu bemüht, die Lyrik überanstrengt, die Sentimentalität verlogen und das Klischee, das optisch augenzwinkernd bemüht wird, als inhaltliche Aussage. „Eine Pfingstrose am Rande der Träne", tituliert Bob seinen Antoine. „Dein Arschloch wird jubeln vor Ekstase", verspricht er ihm. „Ich gebe dir deine Träume wieder". - Wenn ich Sätze höre wie „Dein Schicksal bin ich; lassen wir uns tragen vom großen Wirbelwind", dann finde ich das schwergewichtige Pathos nicht in der leichtfüßigen optischen Szenenfolge wieder, und es stellt sich der lebhafte Wunsch ein, statt verbaler Botschaften einen verbalen Stil zu hören: den Redefluß der französischen Sprache. Ich weiß nicht, ob man es auf deutsch hinkriegen würde. Aber ich weiß, daß die Dialoge auf deutsch, so wie sie sind, schwer zu ertragen sind.

 

Wie nicht anders zu erwarten, führen die Zweifel an den Sätzen auch zu Zweifeln an den Hauptdarstellern. Sieht man den Film, wird nicht erfindlich, warum Michel Blanc für seine Darstellung des Antoine auf den Internationalen Filmfestspielen in Cannes 1986 als bester Darsteller ausgezeichnet worden ist. So tumb und doof, wie er sich gibt, - das würde nur funktionieren, wenn er sich - auch sprachlich - des Klischees des verkappten schüchternen Schwulen bedienen würde, - statt das Klischee zu sein. Auch Gerard Depardieu, optisch im Film mit Rundrücken, Bauch und nackt präsent und immer in gleicher Stimmungslage, sagt seine - jedenfalls im Deutschen - unerträglich disparaten Sätze so bieder auf, daß sie ihm keiner glauben mag. Verbal ist er nicht präsent, und die vielen Worte fallen in verschiedene Stimmungs-Löcher. - Wenn jemand den Film peinlich und degoutant finden sollte, dann könnte es daran liegen, daß es eben die Mängel der deutschen Rhetorik sind, die den ABENDANZUG unverdaulich machen. Dann bleibt nur noch die Filmwerbung: „ABENDANZUG - Der versaute Film!"

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 2/1987

 

Abendanzug

TENUE DE SOIREE

Frankreich 1985. R und B: Bertrand Blier. K: Jean PenzeL Sch: Claudine Merlin. M: Serge Gainsbourg. T: Bernard Bats, Dominique Hennequin. A: Theobald Meurisse. Ko: Michele Cerf. Pg: Hachette Premiere/DD Productions/Cine Valse/Etudes et Gestion Cinematographiques Philippe Dussart. V : Tobis. L: 2308 m (84 Min.). FSK 18, ffr. St: 15.1.1987. D: Gerard Depardieu (Bob), Michel Blanc (Antoine), Miou-Miou (Monique), Bruno Cremer (Kunstliebhaber), Jean-Pierrre Marielle (depressiver Mann), Michel Creton (Pedro, der Zuhälter).

 

 

zur startseite

zum archiv