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Twentynine Palms

Grunzen und fahren

 

Schockkino: Der französische Regisseur Bruno Dumont schickt in "Twentynine Palms" ein kommunikationsgestörtes Paar in die Wüste

 

Ein Mann und eine junge Frau reisen in einem dieser überdimensionierten Hummer-Jeeps durch einen verlassenen Landstrich in Südkalifornien, irgendwo zwischen Los Angeles und Death Valley. Budd Boetticher hat über die Gegend mal gesagt, in Amerika gäbe es keine bessere Location für einen Science Fiction-Film. Aber auch in Boettichers Western hat sie einen atemberaubenden Hintergrund abgegeben. Es ist die Art von archetypischer Landschaft, die europäische Filmemacher seit Generationen von Amerika und dem klassischen Hollywoodkino schwärmen lässt. Der französische Regisseur Bruno Dumont kennt diese Bilder natürlich, auch wenn er dem Kino, nicht nur dem amerikanischen, skeptischer gegenübersteht. Als er zum ersten Mal den Joshua Tree Nationalpark besucht hat, hat er in einem Interview erzählt, habe er zunächst Angst verspürt. Die Bilder haben ihn lange verfolgt, und so kehrte er 2003 zurück, um mit “Twentynine Palms” einen Film über Amerika und über sein eigenes Unbehagen zu drehen. Mit vierjähriger Verspätung kommt er nun auch in die deutschen Kinos.

 

Dumont, ein ehemaliger Philosophie-Professor, hatte Ende der Neunziger Jahre mit “Das Leben Jesu” und “Humanität” das europäische Autorenkino aus dem Tiefschlaf erweckt. Angesiedelt im ländlichen Norden Frankreichs, nahe Dumonts Geburtsort, erzählten beide Filme von existenzieller Verzweiflung, die die Menschen in die Sprachlosigkeit getrieben hatte. In oft quälend langen Kameraeinstellung offenbarte die ostentative Leere seiner Bilder eine Sinnsuche ohne tieferen Sinn; minutenlang konnte man seinen ungelenken Protagonisten bei der Verrichtung monotoner Arbeit oder leidenschaftslosem Sex zugucken. Die Darstellung langwieriger äußerlicher Handlung hat bei Dumont im Gegensatz zum experimentiellen Film aber keinerlei strukturierende Funktion. Die Schärfung der Wahrnehmung führt weder zu tieferer Erkenntnis noch zur Öffnung des Blicks. Man kann nicht einmal sagen, dass Dumonts Beobachtungsgabe besonders genau sei; seine Bilder sind weder sonderlich psychologisch noch sorgfältig komponiert.

 

Es liegt aber eine spezielle Qualität in Dumonts Filmen, die man im Kino lange vermisst hat: eine physische Unmittelbarkeit, wie man sie vor allem aus dem Horrorfilm kennt. Die inszenierte Leere macht Zeit bei Dumont fast körperlich erfahrbar. Seine Darsteller filmt er mit schonungsloser Direktheit; der ästhetische Zugang zu seinen Filmen geht immer wieder über das Körperliche: Sex, Gewalt, die Härte und Resignation, die den Physiognomien seiner Figuren eingeschrieben ist.

 

Die Bedrohung, die Dumont in der Weite des amerikanischen Westens verspürt hat, war bereits in seinen französischen Provinzdramen gegenwärtig. In “Twentynine Palms” macht sie sich als diffuse Ahnung bemerkbar, auch weil man inzwischen um Dumonts Faible für blutige Wendungen weiß. Aber da ist auch eine Spannung zwischen dem Fotografen David und seiner russischen Freundin Katia. Das Mädchen scheint etwas labil, und ihr Kommunikationsproblem erschwert die Beziehung zusätzlich: Unterhalten müssen sie sich in Französisch, eine Sprache, die beide nur rudimentär beherrschen. Früh im Film gibt es einen Dialog zwischen ihnen, der fast komisch ist - bis man enttäuscht feststellt, dass er die Essenz von Dumonts Film umfasst. David beschwert sich ungehalten, dass ihre Gespräche keinen Sinn ergeben, er könne Katias Logik immer seltener folgen. Die Stimmung zwischen den beiden scheint zu kippen, bis Katia ihn kichernd mit den Worten “Ich liebe Dich!” unterbricht. Dann gehen sie aufs Motelzimmer und vögeln – laut, schnell, mechanisch. 

 

Die Zyklen von langen, ereignislosen Autofahrten und dem animalischen Grunzen und Stöhnen der beiden Hauptdarsteller verleiht “Twentynine Palms” eine lose Struktur. Einmal verlassen sie ihren Wagen, um nackt auf einen Felsen zu klettern. Doch es wäre anmaßend zu behaupten, Dumont wandele auf den Spuren Antonionis. Anders als seine Kollegen Antonioni, Wenders oder Demy legt Dumont seine Vorbehalte gegenüber Amerika nie ganz ab. Ein diffamierender Unterton durchzieht den gesamten Film: im Fernsehen läuft Jerry Springer und Dumont kann sich den kurzen Schnitt auf eine übergewichtige White Trash-Mutter nicht verkneifen. Später werden sie beim Überqueren eines Highway aus einem SUV heraus angeschrien. Jeder herannahende Wagen ist eine latente Bedrohung.

 

“Twentynine Palms” bleibt dabei eine ultimativ hohle Fingerübung in prätentiösem Schock-Kino. Vor allem mangelt es Dumonts Film an einer Poesie der road, wie sie Vincent Gallos “Brown Bunny” noch auszeichnete; Dumont führt sich auf wie ein Tourist. Die Beschränkungen seines physisch geprägten Erfahrungskinos werden umso schmerzhafter bewusst, je mehr Stereotypen und kulturelle Vorurteile er anhäuft.

 

Andreas Busche

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in der taz

Zu diesem Film gibt’s im archiv der filmzentrale mehrere Texte

 

 

Twentynine Palms

Frankreich / Deutschland / USA 2003 - Regie: Bruno Dumont - Darsteller: Katia Golubeva, David Wissak - Prädikat: wertvoll - Fassung: O.m.d.U. - Länge: 119 min. - Start: 12.4.2007

 

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