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Der
Existenzialist des Kinos
Zum 100. Geburtstag
des Regisseurs Fred Zinnemann
Grobkörnige Schwarzweißbilder, eine Stadt
voller Feiglinge und ein isolierter Held, dem der Angstschweiß auf der
Stirn klebt. Den verkörperte ausgerechnet der alternde Gary Cooper, der
1952 längst den Zenit seiner Popularität überschritten hatte.
Trotz oder gerade wegen dieser Handycaps wurde „Zwölf
Uhr mittags“ zum Klassiker des Westernfilms.
Vielleicht deshalb, weil er das aufgeheizte Klima seiner Entstehungszeit traf.
Rechtsaußen nannte John Wayne den Film „The most un-American thing I´ve
ever seen in my whole life“ und brüstete sich später damit, den Autoren
Carl Foreman aus Hollywood fortgejagt zu haben. Foreman hatte das „High Noon“-Drehbuch
als Allegorie seiner Heimsuchung durch den McCarthy-Ausschuss angelegt. Kein
Wort dazu vom Regisseur Fred Zinnemann, der sich zeitlebens mit politischen
Deutungen seiner eigenen Filme zurück hielt. Vor hundert Jahren, am 29.
April 1907, wurde in Wien der Mann geboren, der eigentlich nur Geschichten erzählen
wollte. Freilich: für ein gutes Script, die richtige Besetzung, den besten
Kameramann – so verdankt „12 Uhr mittags“ dem dokumentarischen Kamerastil Floyd
Crosbys einen Teil seiner Spannung – kämpfte Zinnemann wie ein Löwe.
Bis zu seinem Tod im Jahre 1997 drehte Fred Zinnemann
„nur“ 22, meist skrupulös vorbereitete und unaufdringlich inszenierte Filme.
Titel wie „Zwölf Uhr Mittags“, „Verdammt in alle Ewigkeit“ oder „Der Schakal“
sind heute indes bekannter als ihr Regisseur. Anders als berühmtere Exil-Wiener
seiner Generation wie Billy Wilder und Otto Preminger, wurde Zinnemann nicht
von der französischen Autoren-Theorie gefeiert, doch seine Hollywood-Kollegen
schätzten den Handwerker und souveränen Erzähler. „Der persönliche
Film eines Idioten ist für mich weit weniger interessant als ein narrativer
Film von Fred Zinnemann“, hat Sidney Lumet einmal gesagt.
Zinnemann war ein Team-Worker. Als Regisseur sah
er sich stets als Teil einer Mannschaft, die Gesamtverantwortung für einen
Film trägt: „Wenn der Film gut ist, dann ist genug Ruhm für alle da“.
Anders als Regisseure, die am Studio-System zerbrachen, fügte er sich klaglos
in die Hollywood-Routine ein – ohne ein willfähriger Erfüllungsgehilfe
profitorientierter Hollywood-Produzenten zu sein. Ähnlich wie seine einzelgängerischen,
in Krisensituationen auf sich selbst gestellten Helden konnte er den Gegenwind
der Mächtigen aushalten, wenn es darauf ankam.
Als Vertragsregisseur bei Metro Goldwyn Mayer beweist
Zinnemann bereits Courage zu einem Zeitpunkt, zu dem er es sich eigentlich noch
nicht leisten kann: Mitte der vierziger Jahre weigert sich der Enddreißiger
standhaft, ein als schwach eingeschätztes Script zu verfilmen. Zinnemann
wird von MGM monatelang kaltgestellt, bis er mit „Die Gezeichneten“ (1946) –
der vom Leiden KZ-geschädigter Kinder handelt – eine neue Chance erhält
und damit seinen eigentlichen Durchbruch erlebt. Zwei Jahrzehnte später
zieht Zinnemann gegen dieselbe Produktionsfirma vor Gericht, weil sie seine
Verfilmung von André Malraux’ Roman „La condition humaine“ drei Tage
vor Drehbeginn gestoppt hat. Viele andere Projekte scheitern, so auch „Die Frau
des französischen Leutnants“, der später von Karel Reisz realisiert
wurde. In der Rückschau gibt sich Zinnemann gelassen: „Ich muss sagen,
dass die meisten dieser ‚Nicht-Filme’, die ich gemacht habe, sehr interessant
waren wegen der Vorbereitungen. Ich kann mich wirklich nicht beklagen, ich hab’
Schwein gehabt im Leben.“
Für sein berufliches Glück muss er von
Anfang an kämpfen. Auf Druck seiner jüdischen, konservativ-bürgerlichen
Eltern studiert er zunächst Jura in seiner Heimatstadt Wien, bricht das
Studium aber unter dem Eindruck von Eisenstein- und Stroheim-Filmen ab und erlernt
ab 1927 an einer Pariser Filmschule das Kamera-Handwerk. Nach Kamera-Assistenzen
in Paris ist er 1929 am legendären Gemeinschaftsprojekt „Menschen am Sonntag“
in Berlin beteiligt. Als der Film 1930 anläuft, weilt Zinnemann bereits
in Hollywood. Seine Film-Ambitionen konzentrieren sich dort zunächst auf
die Kamera: „Ich wollte auf Expeditionen gehen und wahnsinnige Abenteuer erleben,
denn damals war ja die Welt noch voll weißer Flecken“. Mit dem berühmten
Dokumentaristen Robert Flaherty plant er einen (nie realisierten) Film über
asiatische Nomaden, ins Regiefach wird er durch den Fotografen Paul Strand „hineinverwickelt“,
der beim gemeinsam realisierten Dokumentarfilm „Redes“ die Kamera führt.
1937 wird Zinnemann in die Dokumentarfilm-Abteilung von MGM aufgenommen und
inszeniert vorwiegend sogenannte „One-Reeler“: „Ich musste lernen, eine Geschichte
in zehneinhalb Minuten zu erzählen. Ich habe einmal einen Film gemacht
über einen Schwarzen, der als Baby entführt wurde und dann neunzig
Jahre alt wurde – in zehn Minuten. Das ist alles eine Frage der Disziplin.“
Als sein Produzent zum Spielfilmproduzenten befördert wird, wechselt Zinnemann
mit in die neue Abteilung. 1944 dreht er sein erstes A-Picture, „Das siebte
Kreuz“ nach dem Roman von Anna Seghers.
Als wohl bekanntester Zinnemann-Film neben „High
Noon“ gilt „Verdammt in alle Ewigkeit“, den Zinnemann 1953 dank hochprofessioneller
Vorarbeit und erstklassigen Schauspielern in nur einundvierzig Tagen abdrehen
kann. Der mit 8 „Oscars“ ausgezeichnete Film kulminiert im Angriff der Japaner
auf Pearl Harbor, konzentriert sich aber auf die Wochen vor diesem Ereignis.
Er zeigt Menschen im Ausnahmezustand, obwohl die drei Soldaten und die beiden
Frauen, die im Zentrum dieses Dramas um Männerfreundschaft und Liebe im
Infanterie-Milieu stehen, den bevorstehenden Kriegseintritt der USA kaum vorausahnen
können. Gemessen an der Prüderie der frühen 50er wirkt die Erotik
des Films noch heute kühn. Zu Recht ist die Liebesszene berühmt, in
der Burt Lancaster und Deborah Kerr von Meereswellen umspült werden. Seinen
weiblichen Star besetzt Zinnemann gegen den Typ, „weil Deborah Kerr bis dahin
immer ganz kalte Rollen gespielt hat – immer die Königin von England oder
so. Und wenn die beiden Soldaten am Anfang sagen, diese Frau schläft mit
jedem in der Kaserne, dann ist das Publikum interessiert, denn diese Frau schaut
nicht so aus, dass sie mit jedem schläft, nicht wahr?“ Zinnemann hatte
ein untrügliches Gespür für Schauspieler. Im Gegensatz zu vielen
Regisseuren seiner Generation arbeitete er nicht nur gerne mit Etablierten wie
Spencer Tracy, Edward G. Robinson oder Mary Astor zusammen, sondern beförderte
auch die Karrieren aufstrebender Strasberg-Schüler wie Marlon Brando oder
Montgomery Clift.
Zu Zinnemanns zahlreichen Entdeckungen gehört
neben Grace Kelly (für „High Noon“) auch John Hurt, dem er aus einer spontanen
Eingebung heraus eine tragende Rolle in „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“ (1966)
gab, obwohl der junge Brite zuvor nur Theater gespielt hatte. Hurt verkörpert
einen ehrgeizigen Höfling, der sich 1529 zu einer Falschaussage gegen den
großen Gelehrten Thomas More überreden lässt – und damit das
Todesurteil gegen den Philosophen ermöglicht. Doch gewichtiger als das
höfische Ränkespiel ist die moralische Integrität des Protagonisten,
der seinen Untergang im Grunde mit einem Federstrich abwenden könnte. Einmal
mehr gibt der Leitsatz „A man´s character is his destiny“ (Robert Louis
Stevenson) den Subtext für einen Zinnemann-Film. Schicksal tritt nicht
als Gewalt von außen in das Leben der Figuren. Vielmehr scheitern oder
siegen sie, weil ihr Verhalten, ihre Moralität selbst ihren Weg bestimmt.
Zinnemann ist ein Existenzialist des Kinos: „Wenn man einen Menschen in eine
bestimmte Situation stellt, dann reagiert er gemäß seinem Charakter,
und das führt ihn dann auf einen bestimmten Weg, bis wieder ein Kreuzweg
kommt“, betonte er und nannte neben dem erwähnten Historiendrama noch „Geschichte
einer Nonne“ und „High Noon“ als Beispiele dieser Dramaturgie.
Nach „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“, einer rein englischen
Produktion, die Zinnemann den zweiten Regie-„Oscar“ einbringt, werden die Abstände
zwischen den Filmprojekten immer größer. Der späte Zinnemann
– der inzwischen vorwiegend in London lebt und arbeitet – wird derart kompromisslos
in künstlerischen Belangen, dass er nur noch drei Filme realisiert: „Der
Schakal“ (1973), die Studie eines Auftragskillers, der wie die zynische Antifigur
zum Sheriff aus „12 Uhr mittags“ wirkt, dann „Julia“ (1977), in dem Jane Fonda
und Vanessa Redgrave als ungleiche Freundinnen brillieren. In der Naturkulisse
seines letzten Films „Am Rande des Abgrunds“ (1982) kannte sich der gebürtige
Österreicher aus: mit den Dreharbeiten in den Alpen erfüllte er sich
einen alten Traum. Weniger um spektakuläre Bergsteiger-Szenen denn um eine
besondere Herausforderung geht es im Film: um das Älterwerden. „Er ist
ein Mann, der nur die Wahrheit filmt“, resümmierte der greise Billy Wilder
das Werk seines Freundes, „Ein Mann, der Filme macht, über die man nicht
nur eine halbe Nacht, sondern monate- und jahrelang diskutieren kann. Er ist
ein Mann von der Wichtigkeit eines John Ford oder eines William Wyler. Also
ein erstklassiger Mann.“
Jens Hinrichsen
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: film-dienst
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