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Wenders 60, Roland 80. Jubeljubel

 

Wim Wenders ist 60. Der Start seines neuen Films wird zum Event. Im Fernsehen die Retrospektive. Es darf zurückgeblickt werden. Wenders ist 24, und er schreibt in der Zeitschrift Filmkritik. Eine Sammelbesprechung in der Dezembernummer 1969. Den hamburger Heimatfilmer Jürgen Roland ("Die Engel von St. Pauli") stellt er neben einen Rainer W. Faßbinder mit ß ("Katzelmacher"). Man kann sagen, sagt Wenders, daß neben einem Fachmann einer steht, der lustlos und mißmutig Grauenvolles macht. - Nein, ich muß es jetzt doch zitieren. Bei den "Engeln von St. Pauli", so der Jubilar von heute, "kann es einem passieren, daß einem der Film sehr realistisch vorkommt. Alles stimmt. Die Realität begnügt sich damit, wie eine schlechte Komödie auszuschauen. Man kann sagen, daß der Film von einem Fachmann gemacht worden ist".

 

Dagegen ist "das Grauenvolle an diesem Film ("Katzelmacher"), daß er bis ins kleinste Detail lustlos ist. Die Schnitte sind wie ein mißmutiges Wechseln vom ersten aufs zweite Programm am Samstagabend, wenn einen jeder neuerliche Programmwechsel nur noch wütender und trauriger macht. Und daß alle Darsteller so verbissen schauen, liegt nicht an der Provinz, die sie darstellen, sondern an dem verbissenen Schema, das sie am liebsten nur noch als Marionetten vorführen möchte, höchstens noch als Fotoroman."

 

Okay, jetzt mit einer Jugendsünde zu kommen, ist echt hämisch. Es sei denn, die Fehleinschätzung von 1969 erklärt das Desaster des Films von 2005. Im Kritikerspiegel der Szene Hamburg, darunter die Redakteurinnen der Periodika Die Zeit und konkret, wird "Don't Come Knocking" als durchschnittlich, unerheblich, mit Schwächen, gar sehr schwach bewertet. Also so grauenvoll wie damals "Katzelmacher".

 

Ich bin kein Wendersfeind, ich kam zufällig drauf. Im August hatte mich Oliver "Egoshooter" Schwabe angerufen, er käme mit einem NDR-Team, um mich für eine Jubelsendung zum Achtzigsten aufzunehmen, dem 80. von Jürgen Roland. - Ich berief mich auf Nichtwissen: "Ich kenn ihn nicht persönlich. Ich hab auch nichts über ihn geschrieben". - "Gut. Wir schicken die Kassetten. Am 18. August sind wir bei Ihnen, 15 Uhr. Bis dann!"

 

Also kuckte ich "Die Engel von St. Pauli". Rolands Faible für Polizisten der mittleren Laufbahn. Die haben das Herz auf dem rechten Fleck: "Die Negerin kommt in den Kohlenkeller. Die ist sowieso schon schwarz genug". Zu den hamburger Zuhältern gehört einer mit schwarzem, aufgeknüpften Rüschenhemd. Schwuli heißt er. Er wird von einer konkurrierenden Zuhältergang umgelegt. "Diese Ausländer", heißt das im Film. Die Ausländer sind Österreicher. Die Polizei hilft, die rauszukriegen, raus aus Hamburg, diese Mörder. Walkie Talkies auf dem Fischmarkt. Eine Stadt sucht einen Mörder.

 

Schlechte Komödie, wie? - Hmm. Ich hab den NDR angelogen. In der "Filmkritik" steht doch was von mir. 1965. Über Rolands "4 Schlüssel". Ein Verriß. Am meisten regte ich mich darüber auf, daß die Rolling Stones, die am 13. September 1965 auf dem hamburger Flughafen landeten, in Rolands Film als typisches Großstadtvergnügen verbraten werden. - Dieses, mein historisches Ereignis! Okay. Das war meine Jugendsünde.

 

Fällt mir denn wenigstens was Glückwunschtaugliches zum Rolandhauptwerk "Polizeirevier Davidswache" ein, 1964? Mit dem Blick von heute stutze ich über Hamburger, die sich über "Makkaronifresser" aufregen, die aus Neapel. Kind, wenn da einer was von Dir will: "Die Amores, die Liebeskasper, kannst Du gleich wieder wegschicken". Diese Fremdarbeiter, die sich Gastarbeiter nennen dürfen! - Wieder nichts. Roland ist kein Intellektueller.

 

"Roland war schräg drauf", so der Kameramann, "beim Geburtstag für einen vom anderen Ufer ließ er ausrichten, das Geschenk befinde sich im Schrank. Und dann, da stand er nackt, haha". Mir fiel immer noch keine Anekdote ein. Oliver Schwabe preßte die Lippen zusammen. Sollte ich  erzählen, daß mir jemand erzählt hat, daß vom Polizeireporter Roland erzählt wird, daß er aber auch jede junge Darstellerin im Studio Wandsbeck über den Tisch gezogen habe, aber immer in Uniform eines mittleren Dienstgrads? - Geht nicht. Ich bin Intellektueller. Dann hatte ich es. Jürgen Roland hat seit den siebziger Jahren keine Spielfilme mehr gedreht, seit mehr als dreißig Jahren, meine ich doch. Mit 50 hat er aufgehört. Und Wenders?

Wenders soll nochmal was Nettes über Roland sagen. Weihnachten 2005 im NDR: "Jürgen Roland reloaded".

 

Dietrich Kuhlbrodt   

 

Dieser Text ist zuerst erschienen im: Schnitt, 2005

 

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