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Die Lady in Schwarzweiß

Zum 100. Geburtstag der Schauspielerin Barbara Stanwyck

 

Eine Art Crashkurs im Männeraufreißen gibt Barbara Stanwyck in Preston Sturges´ Komödie „Die Falschspielerin“ (1941): Im Speisesaal eines Luxusliners stellt sie Henry Fonda ein Bein, lässt ihn mit dem Oberkellner kollidieren, regt sich künstlich über ihren gebrochenen Absatz auf und lässt sich, triumphal humpelnd, von Fonda in ihre Kabine führen – für ein Paar heiler Sandaletten, die sie sich mit den Worten „Sie müssen niederknien“ überstreifen lässt. Wieder ist die Barbara-Stanwyck-Falle zugeklappt, schließlich bekam sie in ihren Filmen meistens, was sie wollte: Ob als verliebte Kartenbetrügerin, als wagemutige Tochter eines Eisenbahningeneurs („Union Pacific“) oder als Großkonzern-Erbin mit finsterer Vergangenheit, die gleich zwei Männer in Schach halten muss („Die seltsame Liebe der Martha Ivers“). Im Film Noir war sie ebenso zuhause wie in der Screwball Comedy, sie brillierte als verwegene Revolverheldin und empfindsame Melodramatikerin. Barbara Stanwyck, die es liebte, Frauenklischees zu sprengen, war nicht nur genremäßig immer ein wenig „dazwischen“. Vielleicht ist ausgerechnet ihre immense Wandlungslust schuld daran, dass die Schauspielerin heute – hundert Jahre nach ihrer Geburt am 16. Juli 1907 – nicht in einem Atemzug mit den Hauptgöttinnen Hollywoods genannt wird, mit Greta Garbo, Bette Davis oder Ingrid Bergman.

 

Als Langzeit-Diva, deren Karriere einen Bogen von der Stummfilmzeit bis zur Endlos-Fernsehserie schlug („Die Colbys“), hält Stanwyck, die 1990 mit 83 Jahren starb, einen einsamen Rekord. Ihre Glanzzeit waren die Vierzigerjahre, was sich auch statistisch niederschlägt: Mit 400.000 Dollar Verdienst war sie 1944 die bestbezahlte Frau der Nation. Ihr Erfolg fiel in eine Phase, in der Frauen besonders burschikos und selbstbewusst an die Leinwandfront gehen durften. Im Vergleich zu Katharine Hepburn oder Rosalind Russell war bei Barbara Stanwyck aber häufig eine gehörige Portion Verruchtheit im Spiel. Oft, keineswegs immer, war sie als Vamp zu erleben, der dunkle Geheimnisse im Busen trug. Ihren perfekten Gang soll sich Stanwyck von Panthern im Raubtierkäfig abgeschaut haben. Sie war tough. Als „Königin der Berge“ verblüffte sie 1955 ihren Filmpartner Ronald Reagan damit, dass sie ihre Stunts selber ausführte und durch einen eiskalten Bergsee schwamm. Noch als 50-Jährige ließ sich der allürenfreie Star für eine Szene in „Vierzig Gewehre“ von einem Pferd über den Prärieboden schleifen. „Sie war ganz schön zerschrammt“, stellte Regisseur Samuel Fuller nach diversen Re-Takes fest.

 

Ihre Kindheit hat sie als „vollkommen entsetzlich“ beschrieben. Als Ruby Stevens wurde das fünfte Kind eines armen schottisch-irischen Paares in Brooklyn geboren. Als sie zwei Jahre alt war, wurde ihre Mutter von einem Betrunkenen aus der Straßenbahn gestoßen und tödlich am Kopf verletzt. Ihr Vater verschwand nach der Beerdigung, danach wurde das Mädchen von Heim zu Heim geschoben. Mit Fünfzehn heuert Ruby als Chorgirl in einem New Yorker Nachtclub an, wenig später tanzt sie bei den „Ziegfeld Follies“. 1926 spielt sie ihre erste Hauptrolle im Hudson-Theater am Broadway – jetzt unter ihrem Künstlernamen, für den sie sich von einem alten Theaterplakat inspirieren lässt: „Jane Stanwyck in ‚Barbara Frietchie’“.  Als Barbara Stanwyck spielt sie eine Nebenrolle in „Broadway Nights“ (1927), ihrem einzigen Stummfilm, bevor mit „The Locked Door“ ihre eigentliche Filmkarriere beginnt. Später lässt Stanwyck kein gutes Haar an ihrem Debüt: „Keine Stinkbombe hat die Leute je so schnell aus einem Theater getrieben wie dieser Film. Und ich war sogar noch schlechter als der Film.“

 

„Miss Stanwyck triumphiert“, titelt später die New York Times, als „Luxusfrauen“ im Frühjahr 1930 den Durchbruch für die Schauspielerin bringt – nicht zuletzt dank dem Regisseur Frank Capra, der sie bis 1941 noch in drei weiteren Filmen besetzt. Capra war es auch, der einen besonderen „Fehler“ bei seinem Star entdeckte. Sie stieg gleich beim ersten Take so intensiv in eine Szene ein, dass sie die Energie in weiteren Aufnahmen nicht halten konnte. Also probte Capra ihre Szenen mit einer anderen Schauspielerin und drehte Stanwycks Einstellungen einmalig und mit bis zu vier Kameras gleichzeitig. „Sie schmiss niemals eine Szene“, erinnerte sich Capra.

 

Um die Titelrolle in „Stella Dallas“ (1937) muss Stanwyck kämpfen, weil weder Produzent Samuel Goldwyn noch Regisseur King Vidor ihr zunächst die Reife zutrauen, eine Mutter zu spielen, die sich für das Glück ihrer Tochter opfert. Das Melodram brachte ihr die erste von vier Oscar-Nominierungen ein. Sie gewann den Preis nie, 1982 wurde ihr allerdings ein Ehren-Oscar überreicht. Über ihre Herzensrolle der Stella Dallas sagte sie: „Es war so, als ob ich zwei verschiedene Frauen gleichzeitig spielte. Stella musste immer in ihrer oberflächlichen Gewöhnlichkeit und ihrer inneren Feinheit gezeigt werden. Jede Szene war elegant konstruiert, oftmals lagen Tragödie und Komödie sehr nahe beieinander.“ Privat lag ihr die Rolle der aufopferungsvollen Mutter und Gattin weniger. Stanwyck war zweimal verheiratet, mit dem Komiker Frank Fay und dem Filmstar Robert Taylor, von dem sie sich 1951 scheiden ließ und mit dem sie ihre eisern-republikanischen Überzeugungen teilte. Während Regisseure wie Howard Hawks oder John Ford die Schauspielerin als besonnenen Profi rühmten, der bei Dreharbeiten nie ein unbeherrschtes Wort von sich gab, soll die enge Freundin von Joan Crawford zuhause geschrien und gekeift haben. Mit ihrem Adoptivsohn kam sie nicht zurecht, traf ihn zum letzten Mal als 20-Jährigen und verlor fortan kein Wort über ihn. „Sie hat mich weggeworfen wie Müll“, gab Anthony Dion Fay später zu Protokoll.

 

Ob das stimmt oder nicht: Der Kontrast zu ihren Melodram-Heroinen der 50er Jahre könnte nicht größer sein. Ihre Darstellung einer Mutter in Jean Negulescus „Titanic“-Film (1953) könnte Eisberge zum Schmelzen bringen, vor allem, wenn sie in einer Szene in Tränen der Fassungslosigkeit ausbricht, weil ihr Ex-Mann den Kontakt zum gemeinsamen Sohn abbrechen will (denn er ist nicht der wirkliche Vater). Im selben Jahr spielt Stanwyck eine tingelnde Schauspielerin in Douglas Sirks „All meine Sehnsucht“, die nach zehn Jahren zu Mann, Kindern und ins Kleinstadtleben zurückkehrt. Andersherum verkörpert sie in „Es gibt immer ein Morgen“ die Geliebte eines Familienvaters, die sich am Ende demütig-weise in ihr einsames Leben als Modeschöpferin fügt. Obwohl Sirks Spezialität bereits üppige Farbdramaturgien sind, dreht er auch seinen zweiten Stanwyck-Film in Schwarzweiß. Überhaupt finden sich unter ihren 83 Filmen nur eine Handvoll Technicolor-Produktionen. Für ihr Leinwandtemperament, das meist zwischen rätselhafter Kühle und jäher Gefühlseruption schwankte, war Farbfilm das weniger adäquate Medium (und für ihr herbschönes Gesicht, das jeden mimischen Grauton beherrschte): Barbara Stanwyck war die Lady in Schwarzweiß.

 

Die Nachtseite ihres komplexen Images – die rachsüchtige, geld- oder machtgierige Frau – trug die eigentlich dunkelhaarige Schauspielerin gewöhnlich mit eisblonden Frisuren zur Schau (ab Mitte der 50er wirkten dann ihre schlohweiß gewordenen Haare im Schwarzweißfilm blond). Als Phyllis Dietrichson ist sie so falsch wie die monströs ondulierte Blondperücke, die sie trägt. Erst wollte Stanwyck diese „Frau ohne Gewissen“ (1946) nicht spielen, weil sie, nach vielen Mädchen- und Komödienrollen den Imagewechsel zur kaltblütigen Mörderin scheute. „Sind sie eine Maus oder eine Schauspielerin?“, fragte Billy Wilder sie provokativ – und sie spielte den Part, für den sie einmal mehr für den Oscar nominiert wurde. In der Nachkriegszeit verkörperte sie in unterschiedlichen Genres noch viele – im erotischen oder finanziellen Sinne – mächtige Frauen, aber nie wieder so grundböse Menschen wie jene Phyllis (nur Martha Ivers kann vielleicht noch mithalten). Im Verlauf der Fünfzigerjahre wurden indes ihre Filme schlechter, was der Schauspielerin zuallerletzt anzulasten ist. Allerdings setzte Samuel Fuller ihren starken Westernfrauen mit „Vierzig Gewehre“ (1957) noch ein gültiges Denkmal. Ihre Großgrundbesitzerin Jessica Drummond bringt sogar Männer zum Weinen. „Die Zeit des Wilden Westens ist zuende“, bemerkt Jessica mit einem Hauch von Bedauern, „es gibt keine Städte und Männer mehr zu zähmen.“ Drei undankbare Kinorollen später lief Stanwyck zum Fernsehen über und kreierte vor allem die rüstige Rancherin Victoria Barkley in der Serie „Big Valley“ (1965-1969). Und gab acht Jahre vor ihrem Tod noch einmal die Widerspenstige, Unzähmbare, bis zum bitteren Ende leidenschaftlich Liebende: Im Vierteiler „Die Dornenvögel“ hadert sie mit Gott, „der unseren Körper zerstört und uns gerade noch soviel Verstand übriglässt, dass wir diesen Verfall bedauern können. In diesem dummen Körper bin ich noch immer jung. Ich träume noch immer und ich liebe dich noch immer. O Gott, und wie!“

 

Jens Hinrichsen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-dienst

 

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