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Das dicke Ende des Komischen

 

Georg Seeßlen über Sacha Baron Cohen und seine Kunstfiguren


Was ist so komisch an misslungener Identität, Rassismus, Semiotik, Medien und schlechtem Gerschmack? Mit Ali G, Borat und Brüno hat der britische Comedian Sacha Baron Cohen ein paar hübsche Sprengsätze in den Kulturbetrieb geworfen. Im Mai kommt er unter der Regie von Larry Charles wieder ins Kino: Als "Der Diktator", der nach Amerika reist, entführt wird und sich schließlich alleine durch ein fremdes seltsames Land schlagen muss

Vielleicht stimmt es ja, dass das Komische ein imaginäres Ausprobieren von Scheitern ist. Man lässt jemanden stellvertretend scheitern, den Clown, das ist sein Job. Ein guter Clown ist einer, der in seinem Scheitern zeigt, dass es nicht ihn allein angeht, dass er viel mehr ist als ein Objekt der Schadenfreude. Er zeigt, wie ein kosmisches Scheitern, ein Scheitern der Schöpfung sozusagen, und ein subjektives Scheitern, das Scheitern nicht nur des Clowns, sondern auch dessen, der über ihn lacht, immer wieder Schnittstellen aufweisen: Ein komisches Subjekt scheitert an einer komischen Welt. Kein Wunder, dass das Lachen hier und da mit Entsetzen grundiert ist. Ein schlechter Clown ist einer, der das mögliche Scheitern noch auf jemand anderen abwälzt. Die besorgniserregende Anzahl schlechter Clowns in der deutschen Lachkultur ist ein Kapitel für sich.

Und woran man alles scheitern kann! An den Dingen, den mechanischen und sozialen Maschinen, am eigenen oder einem anderen Geschlecht, an der Arbeit und in der Sprache, an zu viel oder zu wenig Identität, an Natur, Kultur und Wissen, an der Bekleidung ... Die manische Produktion des Komischen (gleich neben dem Horror) ist die Kehrseite einer Gesellschaft, die als Ganzes so prächtig funktioniert, weil in ihr so viel Scheitern der Subjekte ist. Woran lässt der englische Fernseh-und Kinokomiker Sacha Baron Cohen seine Figuren scheitern? An der Sexualität, an der Kultur, an der Kleidung, an der Identität, so fängt das an. Und bei alledem geht es drastisch zu, keine Frage, dieser Komiker kultiviert den schlechten Geschmack nicht, er treibt ihn förmlich zum Exzess. Bei anderen Komikern mögen »peinliche Situationen« eine Klimax sein, eine Pointe, und daher, gnädigerweise, in aller Regel auch ein Ende, bei Sacha Baron Cohen dagegen wird die Peinlichkeit zu einem Zustand. Was sozial, verbal oder auch ganz körperlich peinigend wirkt, das dehnt sich bei ihm aus, es hört und hört nicht auf; seine Figuren bewegen sich vollständig beratungsresistent immer tiefer in den Sumpf der Codes und Sitten – und reißen alles mit, was sich nicht in Sicherheit zu bringen weiß. Cohen zettelt Katastrophen der verbalen und der körperlichen Kommunikation an.

Denn seine Figuren scheitern nicht an der Praxis, sondern an der medialen Vermittlung. Die Witze, die Cohen über Sexualität macht, also die Mehrzahl, sind durchaus zeitgemäß: Da geht es nicht um etwas Verdrängtes, das in die Form der Zote gebracht werden muss, um sich zu »entladen«, sondern es geht umgekehrt um das, was beständig performativ in die Öffentlichkeit getragen werden muss. Baron Cohen spielt den Sexualprotz, der dauernd entlarvt wird, oder jemanden, der seine sexuellen Posen aus dritter Hand hat.

Er ist wie ein Kind in einer übersexualisierten Welt, das beständig aneckt, aber auch von einer mehr oder weniger naiven Neugier angetrieben wird. Er ist in gewisser Weise durchaus kindlich polymorph, daher auch offener zur Homosexualität hin als gemeinhin die transgressive Comedy, die immer wieder eindeutig homophobe Ausrutscher verzeichnet. Bei Cohen löst sich endgültig auf, was andere Komiker durch Negationen erzeugen: sexuelle, kulturelle und semantische Gewissheit.

Dazu passt natürlich der Stil seiner Filme, zwischen Realsatire (mit einem Hauch von Michael Moore), Mockumentary, TV-Sketch und Spielfilm. Immer geht es um Reisen, Investigationen, Clashes zwischen Kulturen, Medien und Szenen. Am Leitfaden mehr oder weniger ver-queerer Sexualität.

Die hohe Schule der britischen Komik

Sacha Noam Baron Cohen wuchs in der Welt des jüdischen Mittelstands des Londoner Hammersmith-Viertels auf. Sein Vater führte ein Bekleidungsgeschäft in der Nähe des Piccadilly Circus, seine Familie war aus Wales in die Stadt gezogen; die Familie der Mutter, Daniella Weiser, die in Israel geboren wurde, stammt ursprünglich aus dem Iran. Seine erste schulische Erziehung bekam er in der exklusiven Haberdashers’ Aske’s Boys’ School, wo Baron Cohen (Baron, eine Anglisierung von Baruch, ist Teil des Nachnamens) vor allem durch sein literarisches Talent auffiel. Mit acht Jahren gewann er einen Aufsatzwettbewerb der »Times«, sein Thema, altklug und ein kleiner biografischer Witz, war: Pflicht und Vergnügen beim korrekten Gebrauch der britischen Sprache. Daneben war Sacha Baron Cohen Mitglied der Jugendorganisation Habonim Dror, wo er seinen Spaß am Theaterspielen entwickelte. Habonim Dror (etwa »Die Errichter der Freiheit«) ist eine zionistischsozialistische Jugendorganisation, deren Ideal das Tikkun Olam ist, man kann das vielleicht übersetzen als Heilung der Welt, oder als Vollendung der Ordnung. Hagshama Atzmit ist die individuelle Selbstfindung, die der gemeinschaftlichen jüdischen Lebenspraxis gegenübersteht und einer Form der sozialistischen Gerechtigkeit; beides verbindet sich in Chalutziut, dem pionierhaften Suchen und Erkennen. Spiritualität und Politik sind in Habonim Dror eng verbunden. Es ist mehr als ein Empfinden, es ist eine Methode.

Sacha Baron Cohen studierte am Christ’s College in Cambridge, ging dann aber für ein Jahr nach Israel ins Kibbuz Rosh Hanikra, direkt an der Grenze zum Libanon gelegen und vorwiegend vom Tourismus lebend, wegen der wundervollen weißen Felsen. Nach England zurückgekehrt, studierte er Geschichte in Cambridge und spielte daneben wieder Theater, beim Cambridge University Footlights Dramatic Club, dem Amateurtheater, wo neben dem traditionellen Theater vor allem die Kunst von Satire und Nonsense gepflegt wird. Es ist seit den sechziger Jahren eine Brutstätte der britischen Comedy-Szene: Der Schriftsteller Douglas Adams, die Gruppe Monty Python, die Schauspieler Stephen Fry, Hugh Laurie und Emma Thompson haben hier gelernt. Der Boom der British Comedy ist vielleicht durch diese Keimzelle am ehesten zu verstehen: Es ist in gewisser Weise immer »studentischer« Humor, ein Aufbegehren weniger gegen soziale Ungerechtigkeit als vielmehr gegen Formalismus und Codes, gegen das Gebot der Vernunft gar, gegen Dünkel und Tradition. Noch im forcierten Blödsinn spukt der Campus-Geist.

Damals entstand auch eine kreative Zelle um Baron Cohen, zu der neben seinem Bruder Erran (er schrieb Teile der Filmmusik von "Borat") vor allem der Drehbuchautor und Produzent Dan Mazer gehört, mit dem er nahezu alle seine Projekte gemeinsam entwickelt. Eine zweite wichtige Reise führte Sacha Baron Cohen in die USA, zur Vorbereitung seiner Abschlussarbeit »The Black Jewish Alliance: A Case of Mistaken Identity«. Darin untersucht er neben der Beziehung von jüdischer und afroamerikanischer Bürgerrechtsbewegung und den politischen Morden der sechziger Jahre auch die Widersprüche der beiden Kulturen, auf beiden Seiten nicht ohne gefährlichen Rassismus. Was Baron Cohen hier ernsthaft und historisch erarbeitete, blieb letztlich Grundlage seiner Komik: die Überidentität verschiedener Kulturen und Subkulturen, die Reise nach Amerika als Reise in ein absurdes, so selbstgefälliges wie zerrissenes Wunderland, die Medien als Bühne und Moderation der groteskesten Klischees. Ein meta-komisches Element in der Arbeit von Sacha Baron Cohen besteht darin, dass man seine TV-Sketches wie seine Filme immer auch als Parodien soziologischer und anthropologischer Feldforschungen sehen kann. Was scheitert, sehr komisch scheitert, bei diesem Komiker, das ist nicht nur die Begegnung von verschiedenen Kulturen, sondern auch der Gestus der Befragung. Jemand stellt dumme Fragen – alle seine Figuren, Ali G als Moderator einer Trash-Fernsehsendung, Borat Sagdiyev als Reporter des »kasachischen« Fernsehens oder Brüno auf der Suche nach einer Karriere in der Glamour-Modewelt, sind Unentwegt-Fragende – und erhält dümmere Antworten. Fatalerweise sind diese Antworten, je dümmer sie sind, um so näher an der kulturellen Gegenwart.

Die Komik des Übergriffs
So weit klingt das alles so wunderbar nach Klischee, dass man es sich auch als Erfindung vorstellen könnte. Dazu passt natürlich, dass Baron Cohen als Model arbeitete, ein paar kleine Filmrollen ergatterte und zusammen mit seinem Bruder als Comedy-Team in den Londoner Clubs auftrat. Im Paramount Comedy Cable Channel entwickelte er als erste seiner Kunstfiguren den schwulen Mode-Moderator Brüno aus Österreich. Doch erst die Figur des Ali G, die 1998 in der »Eleven O’Clock Show« präsentiert wurde, machte sein Konzept der
reality comedy bekannt: Ali G, der verpeilte Pseudohipster, interviewt »echte« Gäste aus Politik und Showbusiness, wobei er geschickt Sprachfallen aufbaut. Dass Worte und Ausdrücke,Gesten und Betonungen eine vollständig andere Bedeutung haben, je nachdem, in welcher Schicht, Kultur und Szene man sie benutzt, gehört zu den Grundmustern dieser Talk-Comedy, ebenso die Tatsache, dass jede unziemliche Frage nach der Identität den Befragten in Panik oder absurde Ausweichbewegungen versetzt. 2002 entstand Baron Cohens erster Kinofilm "Ali G in da House", im Jahr darauf wurde »Da Ali G Show« auch in den USA (beim Kabelsender HBO) populär; der Synchronsprecher-Part des Lemuren-Königs Julien und der Song »I Like to Move It« in dem Animationsfilm "Madagascar" machten ihn auch im Mainstream bekannt, ebenso sein Auftritt in Tim Burtons "Sweeney Todd". Der letzte Auftritt in der normalen Filmwelt führte Sacha Baron Cohen in Martin Scorseses "Hugo Cabret". Hier gibt es also einen anderen, den Gebrauchs- und Teamschauspieler Baron Cohen zu sehen, der gleichwohl stets einen Hauch seiner nicht so normalen Comedy-Welt mitbringt. King Julien ist vielleicht sogar schon eine Mainstream-Anwendung des Baron-Cohen-Charakters, genauso anmaßend, verpeilt und weggetreten wie Ali G oder Brüno.

2006 folgte der zweite Kinofilm, in dem nun die aus der »Ali G Show« bekannte Figur des Reporters Borat auserzählt wurde. In "Borat – Kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation Kasachstan zu machen" fährt er, auf der Suche nach seinem sexuellen Idol Pamela Anderson, durch Amerika und trifft die US-Gesellschaft dabei immer mal wieder ins Herz, wenn er auf der einen Seite seine unumstößlichen Ansichten von Antisemitismus, Homophobie oder Sexismus stets an den falschesten aller falschen Stellen zum Ausdruck bringt oder wenn er durch seine unbekümmerte Art die verborgene Obszönität vieler Riten ans Tageslicht bringt. Als er für einen Auftritt im amerikanischen Fernsehen vorbereitet werden soll, sagt ihm sein »Coach«, das amerikanische Publikum liebe Witze über Schwiegermütter. Borat versteht nicht, warum man Witze über Schwiegermütter macht, er habe lieber Sex mit ihnen. Dafür ließe er sich gern einen Hummer verkaufen, mit dem man Zigeuner totfahren kann. Nur das Geld reiche nicht.

Der Borat in den Fernsehshows funktioniert natürlich gegenüber dem Kino-Borat tückischer. Immer wieder lädt der nämlich seine realen Gäste durch die Offensichtlichkeit seiner Vorurteile dazu ein, ihre eigenen Kontrollen zu vernachlässigen. So geben sie etwas von ihren verbotenen Impulsen preis, im Glauben, damit ihren Gastgeber zu dämpfen. Das funktioniert selbst dann, wenn durchaus zweifelhaft ist, wie ernst es der andere eigentlich meint. Selbst das Bewusstsein, es mit einer Kunstfigur zu tun zu haben, verhindert nicht, dass sich selbst prominente Gäste absurde Blößen geben. Im Film wurde versucht, so viel als möglich von dieser Komik des Übergriffs zu bewahren.

Mit "Brüno" bekam schließlich auch Baron Cohens erste Kunstfigur 2009 einen eigenen Spielfilm. Auch der enthält noch etliche Reality-Teile, hat aber so etwas wie eine Handlung – nachdem seine eigene Modesendung in Österreich abgesetzt wurde, macht sich der Held auf, um in Amerika sein Glück zu machen. Wieder bietet Baron Cohen sich in dieser Rolle zunächst als Projektions- und Spottfigur an (auf die Idee eines auf gelben Stoff gedruckten Lederhosen-Designs muss man erst einmal kommen! So wie auf Borats Badeanzug, der in Internetshops angeboten wird: Auch was das anbelangt, setzt sich Baron Cohens Methode mühelos in die sogenannte Wirklichkeit fort). Brüno erscheint als Verkörperung so ziemlich sämtlicher Schwulenwitze – nur, um umso treffsicherer die Reaktionen der Gegenseite zu provozieren. Da gibt es eine Versammlung militanter Heteros mitsamt homophoben Hasspredigten, das Männerritual des Militärs, Fernsehleute, die die Grenzen des schlechten Geschmacks stets ausloten wollen, aber nie offen überschreiten. Homophobie, Bigotterie, Rassismus werden kenntlich als Masken vor einem inneren Chaos. Die Leute, denen Ali G, Borat oder Brüno mit ihrer unverschämten, narzisstischen Provokation gegenübertreten, verlieren so leicht die Contenance, weil die Grenzen und Identitäten, die eine Gesellschaft ihren Mitgliedern verpasst, größtenteils fiktiver Natur sind. Es genügt eine (scheinbare) Kleinigkeit, um soziale Posen zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Dazu dient die Mehrdeutigkeit der Baron-Cohen-Figuren selbst. Sie haben immer liebenswert-naive und impertinent-egomane Züge, sie haben es selbst mit der sozialen Maskerade weit übertrieben. Borat ist ein militant homophober Mann, der andauernd in schwule Situationen gerät. Ali G ist ein Gangsta mit Machogehabe und zugleich ein wehleidiges Kind. Damit nicht genug: Er kommt nicht aus dem Ghetto, sondern aus einem kleinbürgerlich-spießigen Stadtteil und heißt in Wirklichkeit Alistair Leslie Graham: Sowohl die soziale als auch die ethnische Identität sind pure Anmaßung. Brüno umgekehrt, der mit seiner Weichheit kokettiert, lässt immer wieder den harten Geschäftsmann oder die tyrannische Diva heraushängen; er spielt auch vor sich selbst eine Figur aus einer Welt, der er niemals angehörte. Jeder von ihnen ist ein mediales Abziehbild, und so nimmt es nicht Wunder, dass etwa wenn jemand Sacha Baron Cohen nach dem Antisemitismus und der Verunglimpfung von Kasachstan fragt, nicht er, sondern Borat antwortet: »I’d like to state I have no connection with Mr. Cohen and fully support my government’s decision to sue this Jew. Since the 2003 reforms, Kazakhstan is as civilised as any other country in the world. Women can now travel on inside of bus, homosexuals no longer have to wear blue hats, and age of consent has been raised to eight years old.«

Inszenierung und Realität: ein Tohuwabohu

Sacha Baron Cohens Kinofilme sind eigenartige Hybridgebilde; keine »richtigen« Filme, aber auch keine Aneinanderreihung mehr oder weniger experimentell aus der Wirklichkeit gegriffener Sketche. Wie in den Pseudo-Found-Footage-Horrorfilmen oder den provozierten Dokumentationen von Michael Moore hält dabei eine Ästhetik Einzug in die Cineplexe, die viel mehr mit Youtube-Clips als mit den Blockbustern und CGI-Effekten nebenan zu tun hat. Und stiehlt diesen auch ökonomisch die Schau. Alles ist handgemacht und low tech, was durch die Konstruktion der Helden und ihrer Reisen plausibel gemacht wird. Aber so viel noch vom Reality-Format der TV-Shows in den Filmen steckt, so viel steckt von »richtigen« Filmkomödien in ihnen.

Der neue Film "Der Diktator" benutzt nun eine dramatischere Gestalt, nämlich, natürlich, einen Diktator namens General Aladeen, der nach Amerika kommt, um dort eine laaange Rede zu halten. Doch dann wird er entführt und ersetzt und muss sich als accidental tourist durchs Land schlagen. Dass man in die nächsthöhere Klasse der Produktionswerte einsteigt, lässt sich an der Riege der Gaststars absehen, neben Ben Kingsley und John C. Reilly liefert Megan Fox ("Transformers") die obligate Selbstparodie. Aber auch dieser Diktator ist letzten Endes in der Situation des typischen Baron-Cohen-Helden: Ein Ausgesetzter, dem die Überidentifizierung zum Verhängnis wurde, der sich durch eine fremde Welt bewegt, die bei jedem Versuch, ihr näherzukommen, noch fremder wird. In der Komödie der sich entblößenden Menschen vor der Impertinenz der Diktator-/Brüno-/Ali-G-/Borat-Figur steckt die Tragödie des scheiternden Selbstermächtigers. Ein fundamentales Arschloch, ganz gewiss. Aber eben auch ein Mensch. So wie all diese Typen, die an ihm scheitern, die Leute, die in den Medien eine Pseudoidentität durch die Aneignung fremder Kulturen finden, und die Leute, die im richtigen Leben eine Pseudoidentität durch den Hass auf fremde Kulturen finden, uns hier erschreckend und komisch real begegnen. Zumindest die ersten drei Filme atmeten noch etwas vom Geist des Guerilla-Shooting; bei "Borat" glaubten wohl viele  Leute, in einer Dokumentation des Kasachischen Fernsehens mitzuwirken. Übrigens tat die dortige Regierung dem Borat-Darsteller prompt den Gefallen und beschwerte sich offiziell bei dem damaligen Präsidenten George W. Bush. Was zu einem öffentlichen Generationenkonflikt führte, als die Tochter des Präsidenten bekundete, den Humor in der Figur nicht nur verstanden zu haben, sondern auch zu mögen. In Deutschland kam es immerhin zu einer Strafanzeige wegen Volksverhetzung.

Inszenierung und Realität werden in der Methode Baron Cohen also so weit durcheinandergeschüttelt, dass es unmöglich ist, im Nachhinein zu sagen, was gespielt und was echt war. Das ist besonders ergiebig, wenn man Menschen involviert, denen die Sphären von medialer Inszenierung und materieller Wirklichkeit ohnehin gründlich durcheinandergeraten sind. Wie im Falle von Pamela Anderson, die der Begegnung mit Borat nicht gewachsen schien, sie später aber geschickt in die eigene Biografie einbaute, als Grund der Trennung von Kid Rock. Unterm Strich erreicht Baron Cohen wohl auch das Ende des Komischen an sich, den Punkt, da man nicht mehr unterscheiden kann, was Ernst und was Spaß ist. Und genau darin besteht das Zeitgemäße dieses Witzes.

Im Mahlstrom der kulturellen Zeichen

Als Schauspieler verdankt Sacha Baron Cohen wohl sehr viel seinem Vorbild Peter Sellers. Auch der konnte nicht nur komisch, sondern sehr unheimlich sein. Bei beiden gibt es eine Technik des Introspektiven; während sie in nachgerade jede Rolle schlüpfen können, jede ethnische, soziale und erotische Identität annehmen, bleibt ein Rest somnambuler Abwesenheit, so als lausche da einer zugleich auf die Außenwelt und eine innere Maschine, die ihn zu einem gewissen Grad unberührbar macht. Der slow burn als soziale Geste gibt auch den Mikrorhythmus der einzelnen Szenen und Sketche vor: Borat, Ali G und Brüno sind oft aufreizend langsam, was ihre Gegenüber darin hindert, sich in der Kommunikationsgeschwindigkeit zu verbergen.

Sacha Baron Cohen ist bei alledem, und damit geht er hinaus über jene Mischung aus Michael Moore und »Jackass«, die man ihm gern zuschreibt, ein großer Sprachschöpfer. Für seine Figuren zieht er aus verschiedenen Sprachen Redewendungen, oder er erfindet neue Begriffe, die einem bestimmten Jargon zu entsprechen scheinen; er setzt sein Kunst-Kasachisch aus polnischen Wörtern zusammen oder lässt Ali G in einem Pseudo-Patois schwadronieren, wobei die Wiederholungen bestimmter Floskeln oder Kunstwörter ihnen den Anschein einer praktizierten Sprache geben. In Brünos Sprechweise gibt es reale und erfundene deutsche Wörter ebenso wie anglisiertes Deutsch; seine Sendung heißt »Funkyzeit mit Brüno«. Undwassoever. Viele dieser semantischen Appropriationen beziehen sich auf die Sexualität. Und auch Baron Cohens linguistische Frivolitäten haben den Transfer in die Realität geleistet: Ali Gs Sprechweise wird nachgeahmt, man »boratisiert«, um jemanden in eine PC-Falle zu locken, und man sucht nach der Fake-Ethnie, so wie Brüno einem Rapper, der für seine Sendung Reklame macht, nahelegt, er solle doch etwas »schwärzer« performen.

Brüno, der als Modereporter für den OJRF (den Österreichischen Jungen-Rundfunk, übersetzt als Austrian Gay TV) arbeitet, Borat und Ali G führen, jeder auf seine Weise, bis zum Exzess die Untugend des Mediums vor, mehr auf sich selbst als auf die Welt bezogen zu sein. In der Welt von Sacha Baron Cohen wird deutlich, wie willkürlich und gespielt alle Formen von Identitäten sind, aber auch wie viel Groteskes durch die Übertragungsvorgänge der globalisierten Kulturzeichen entsteht, die kaum noch durch soziale Praxis, sondern vor allem durch Markt und Medien ausgetauscht werden. Während die Komik der Baron-Cohen-Figuren dadurch entsteht, dass sie Identität und Performance verwechseln, entsteht die ihrer Gegenüber dadurch, dass am Ende keine soziale Performance der insistenten Frage nach der Identität gewachsen ist. Man könnte daher Sacha Baron Cohen wohl als einen strukturalistischen Komiker bezeichnen, der ziemlich gnadenlos die Beziehung zwischen dem Bezeichnenden und dem Bezeichneten auf den Prüfstand bringt.

Die drei Figuren provozieren ihre Gegenüber auf sehr unterschiedliche Weise. Bei Ali G überwiegt eine Idee der Anpassung, in jedem Fall aber beweisen sie, dass Menschen, die von Medien angesprochen werden, eine ungeheure soziale Leidensfähigkeit entwickeln und dass sie, wenn sie von Menschen angesprochen werden, die ihre fundamentalen Vorurteile aufgreifen, die Gegenwart des Mediums vergessen. Und beim Verkaufen von Waffen und Autos hört ohnehin jede kulturelle Kontrolle und Selbstkontrolle auf.

Sichtbarkeit ist eine Falle

Sacha Baron Cohen ist der Komiker für die Kinder von »Dschungelcamp« und Michel Foucault. Er spielt nicht auf einer Bühne oder an einem Drehort, sondern in der globalisierten und medialisierten Realität; er spielt im Publikum, die Bühne selber ist, wenn man nur genau hinsieht, vollkommen leer. Sie besteht aus der Drohung oder dem Versprechen, gesehen zu werden. Das verzweifelte Bemühen der einen, gesehen zu werden, entspricht dem verzweifelten Bemühen der anderen, etwas unsichtbar zu belassen. Dem Scheitern von beidem zuzusehen, ist manchmal sehr, sehr komisch. Und manchmal auch unerträglich. Denn dieser Clown, der sich am Beginn so drastisch aussetzte, verschwindet nach und nach. Zurück bleibt die Entblößung.

Georg Seeßlen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 5/2012

 

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