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Rühmann, Stoiber und die Nr. 1: Hitler

 

Im Jahr 2002 wäre auch er hundert Jahre alt geworden: Heinz Rühmann. Gestorben war er acht Jahre zuvor am Tag der deutschen Einheit in seinem Haus in Aufkirchen/Berg am Starnberger See. Vier Wochen nach seinem Tod wurde er als »Jahrhundertschauspieler« im Münchner Prinzregententheater geehrt. »Heinz Rühmann: im Weichbild der Alpen gereift«, befand Edmund Stoiber, Feinschmecker und Ministerpräsident der Alpenrepublik, und schon zerging den zur Hommage geeilten Gästen das neu kreierte Produkt auf der Zunge: Stoiber-Rühmann, das allerdings schon sehr gereifte Weichkäseprodukt, na ich würde sagen: schon mit deutlichem Hautgoût, denn hören Sie weiter, Originalton Stoiber: »Rühmann war in Bayern daheim. München hat sein schauspielerisches Talent geschult. Er ist der andere Mythos des 20. Jahrhunderts

 

Der andere Mythos? Und wer war dann der erste? Da Käse-Stoiber ihn nicht beim Namen nannte, tragen wir ihn nach: unser Führer Adolf Hitler war's, der mit Rühmann zusammen im Weichbild der Alpen reifte. Heinz und Adolf waren nicht nur gemeinsam in Bayern daheim. In München ließen beide ihr schauspielerisches Talent von ein und demselben Lehrer schulen, dem nationalistischen Staatsschauspieler Friedrich Basil. Die Münchner Männerfreundschaft datiert auf den Anfang der zwanziger Jahre. Heinz war gerade zwanzig, und Adolf, zehn Jahre älter, seiner politischen Karriere keineswegs sicher. Im Parkett der Münchner Kammerspiele nahm er Platz, wenn Heinz auf den Brettern stand. Hitler holte sich bei Rühmann »neue erlösende Kraft«. Das Energie spendende Bündnis hielt zwanzig Jahre lang. Die Münchner Brüderschaft funktionierte auch in der Reichshauptstadt. Diesmal war es Rühmann, der sich von Hitler erlösende Kraft holte. Im Führerhauptquartier holte sich der andere Mythos vom ersten Mythos das Plazet zur Freigabe der »Feuerzangenbowle« (1943). Freund Adolf sagte: ja, und wischte damit die Bedenken des Filmministers Goebbels weg, der durch den Film die Staatsautorität angegriffen sah.

 

Doch Hitler sah das schon richtig. Der Mythos Rühmann war der ideale Reparaturbetrieb des Faschismus. 1943 gab es die ersten massiven Schäden. Muckte wer auf?! Den Soldaten, denen die Jugend abhanden gekommen war, gab die »Feuerzangenbowle« die Möglichkeit, sich an die Streiche ihrer Väter zu halten; an der Autorität durfte gekratzt werden, wenn diese in die Zeit des Wilhelminismus verlagert worden war. Nötig ist lediglich, dass die Jungen sich alt und die Alten sich künstlich zu dummen Jungs machen, dann gibt es eine entlastende Spiel-im-Spiel-Posse, und es darf weiter gekämpft werden. »Wie faschistisch ist die Feuerzangenbowle, fragt Karsten Witte. Es ist in der Tat nur eine Frage des Wie.

 

War Heinz Rühmann ein Nazi? Die Frage will darauf hinaus, dass kein Deutscher Nazi war, ausgenommen dieser und jener. Geschenkt. Rühmann war in höchst bequemer Einheit von Person und Werk der Inbegriff des naiven unpolitischen Deutschen. Und damit das Toppolitikum der Nazizeit. Und darüber hinaus. Rühmann-Freund Franz Josef Strauß rühmte, völlig zu Recht fatalerweise, dass Heinz die »Wünsche und Ängste von jedermann verkörpert«, und sein Zeitgenosse Willy Brandt preist ihn als »Liebling der Nation«. Literaturphilosoph Hans Maier erklärte ihn gar zum »Volkseigentum«. Bei diesem bayerisch-deutschen Unisono müssen wir jedoch darauf bestehen, den nützlichen Idioten Rühmann, immer gut zur Systemstabilisierung und zur Schadensbegrenzung, als Risikofall zu behandeln. Wie kein anderer verkörperte er die Männerphantasien, die in den Faschismus führen. Theweleit hat bekanntlich die Details benannt, Thomas Brandlmeier die speziellen in den Rühmann-Filmen.

 

Der sprechende Titel des ersten Rühmann-Films: »Das deutsche Mutterherz« (1926). Hoffnungslos postpubertierende Männer, hilflos schwankend zwischen der Mutter-mit-Herz und der Hure-mit-Fotze. Die Verklemmungen lösen sich ersatz- und probeweise in Klamauk und Klamotten, aber erlöst wird der Rüh-Mann auf keinen Fall, denn er wird für anderes gebraucht: fürs Männer-Bündnis. Männerfreundschaften und mittelständische Spezi-Seilschaften, das sind Rühmann-Rollen in »Die drei von der Tankstelle« (1930), »Der Stolz der 3. Kompanie« (1931), »Drei blaue Jungs - ein blondes Mädel« (1933), »Lumpacivagabundus« (1937), »Paradies der Junggesellen« (1939). Stop! Nein, kein Stop, »Schäm' Dich, Brigitte« (1952), »Das Liebeskarussell« (1965).

 

»Ich habe nie im Sinne der Nazis das Geringste zu tun gehabt« (Originaldiktion Rühmann). Sehen wir zu: »Bomben auf Monte Carlo« (1931) spielt noch grinsend darauf an, wie der alte Kaiser Wilhelm die Hauptstadt von Venezuela beschoss, um Zahlungstitel zu vollstrecken. Und jetzt, Rühmann in der Kanonenboot-Diplomatie: die Bordkanonen haben Monte Carlo im Visier, um einen Spielbankgewinn einzustreichen. Da haben alle Zuschauer laut gelacht. - Rühmann in »Drei blaue Jungs«: er wirbt 1933 für die Wiederaufrüstung. Einige Jahre später schmäht er in »Die Umwege des schönen Karl« die Weimarer Republik. Und schließlich Kriegspropaganda pur in »Quax, der Bruchpilot« (1941).

 

Staatsschauspieler Rühmann war im Frühjahr 1941 in Rechlin zum Abwehrflieger ausgebildet worden. Seine erste Flugrunde hatte er, wie Weichbild-Stoiber im Prinzregententheater schwärmte, in München gedreht. Während des Ministerpräsidenten Stimme ein wenig sentimental gepresst klang, tönte der Sprecher der Deutschen Wochenschau 1941 markig-aufgeregt: Rühmann wurde der deutschen Nation als Kurierflieger vorgestellt, sich opfernd für Führer, Volk und Vaterland. Ja, ein Männerbündnis verband den pfiffig-naiven Nationalkomödianten auch mit dem Generalluftzeugmeister der deutschen Luftwaffe, Ernst Udet. Auch der sechs Jahre ältere Fliegerkamerad war ein Held der Nation: Generaloberst Ernst Udet war mit 62 Abschüssen einer der erfolgreichsten Jagdflieger des Ersten Weltkriegs gewesen, so rühmen es noch heute die deutschen Enzyklopädien. In den kämpfenden und filmenden Fliegerfreunden Rühmann/Udet fanden die siegesgewissen kriegerischen Deutschen von 1941 die erlösende Kraft, die der größte Feldherr aller Zeiten schon 1925 in den Münchner Kammerspielen gefunden hatte. In »Quax, der Bruchpilot« demonstriert er, wie er auf den rechten Weg der Disziplin zurückfindet. Er beugt sich der Autorität des Ausbilders, wird befördert und zum guten Ende selbst zum Ausbilder ernannt. Großer Applaus in der Heimatstadt. Es fehlt nur noch der Vorhang.

 

SeIbstredend kam Rühmann nicht an die Front. »Ich war u.k. gestellt, weil das Publikum noch was zum Lachen haben sollte, weil es ja sonst nichts zum Lachen gab Im Übrigen wissen die da oben, was sie tun. Es kann nur besser werden. Glauben wir an die Zukunft und lachen wir in uns hinein. Die Titel der Rühmannfilme »Es wird schon wieder besser« (1931) und »Man braucht kein Geld« (1931) sprechen die Botschaft aus und den Titelschlager darf man beim Wort nehmen: »Es wird schon wieder besser, "schließlich einmal muss es uns doch besser geh'n«, und wenn es doch mal schwierig werden sollte, dann schunkeln alle im Rühmann-Takt »Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern« 1939/40). Rühmann vermittelte den Kampfesmut direkt vor seinem Publikum. Von der Leinwand stieg er herunter live ins Wunschkonzert, dann wieder zurück auf die Leinwand im berüchtigten Durchhalte-»Wunschkonzert« von 1940, dem »entschieden ekelhaftesten Propagandafilm des Systems« (Brandlmeier).

 

Für Rühmann war 1945 das Jahr der Kontinuität. Der 1943/44 produzierte Film »Quax in Fahrt« kam 1953 mit dem Titel »Quax in Afrika« in die Kinos der Adenauerrepublik. Sein in den ersten Monaten des Jahres 1945 produzierter Film »Sag' die Wahrheit« wurde schon 1946 mit Gustav Fröhlich neu gedreht. »Ich würde alles noch mal so machen, wie ich es gemacht habe«, resümierte er vor seinem Tod. Für den Bayern Stoiber hat er »die deutsche Identität« und den »deutschen Standort« sichtbar gemacht. Dank Rühmann, so der Landesherr im Prinzregententheater, seien wir bewusst, »Menschen eines Geistes und einer Kultur zu sein«. Hurra! Hurra! Hurra!

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist ein Auszug aus Dietrich Kuhlbrodts Buch: Deutsches Filmwunder Nazis immer besser, erschienen 2006 im Konkret Literatur Verlag, Hamburg [http://www.konkret-verlage.de/klv/]

 

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