Kurt Raab 20.7.1941 - 28.6.1988

 

Am 28. Juni starb in Hamburg Kurt Raab. Als Schauspieler, Autor und Regisseur kehrte er die Monstrosität des Normalen hervor. Er, der keine Karriere machen wollte, verkörperte bürgerliche Karrieren, deren Kälte und Isolation zum Fürchten und zum Lachen war - und zum Mitleiden. Auf den Knieen rutscht Bolwieser, der brave Bahnhofsvorstand zum Bett seiner angetrauten Hanni (im Fassbinder-Film von 1976/77) - eine Szene, die zehn Jahre haften bleibt. Die Anpassung wird zum Exzeß, bis zur Kenntlichkeit maskiert, und deswegen besteht alles andere als ein Bedarf, ihr abzuhelfen. Kurt Raab hat in diesem Jahr in WOHIN? (Achternbusch) sich kurz vorgestellt - „Ich heiße Kurt Raab und habe Aids" - und zum Abhilfebedarf das Nötige gesagt: „Wenn ich diese Wörter höre, die mit Bedarf enden, dann weiß ich, wohin die gehören. Sie gehören zum Entscheidungsbedarf, wenn es darum geht, demokratische Rechte zu beschneiden, und zum Handlungsbedarf, wenn es darum geht, freien Bürgern Beine zu machen, und zum Nachholbedarf, wenn es sich darum handelt, dem Fernsehen den Maulkorb noch enger zu schnüren. Es gibt auch einen Isolationsbedarf, und der betrifft mich und meine Leidensgenossen. Und wenn Sie ein klein wenig einen Erkenntnisbedarf hätten, wüßten Sie, daß es sich bei einem Isolationsbedarf um einen KZ-Bedarf handelt".

 

Kurt Raab hat auch keinen Glaubensbedarf, weil es halt von Kindesbeinen schon erfüllt war, das „Ich glaube an Gott", wie er es schlicht und wie nebenbei immer wieder gesagt hat, privat und öffentlich, bis zu seinem Tod. Und deshalb empörte er sich über den oberpfälzer Pfarrer, der seinen Friedhof virenfrei halten will und ihm die Erdbestattung im Familiengrab verweigert (Raab wird in Hamburg-Ohlsdorf beerdigt werden, in einer Grabstätte die ihm ein befreundetes Ehepaar geschenkt hat, Blumenschmuck und Sarg hatte er sich ausgesucht). Kurt Raab, im böhmischen Bergreichenstein als Sohn eines Knechts geboren, wuchs, gut katholisch erzogen, in Weißenbrunn (Oberfranken) und Steinbeißen (Niederbayern) auf. Sein Schulfreund, Peer Raben, holt ihn 1966 vom Bayerischen Fernsehen (Raab, 25 Jahre alt, trägt Kabel und requiriert ein wenig) und gibt ihm eine Rolle im Action-Theater (in Rabens „Antigone"). Raab gründet mit Fassbinder zusammen das „antiteater" und treibt den Spießer-Traum des König Ubu in Exzeß und Anarchie - in der „Orgie Ubu". Raab wird für Fassbinder die geliebte „Emma Kartoffel" - und in den nächsten zehn Jahren in seinen Filmen die Verkörperung des Unbanalen der Banalität. Raab stattet die Fassbinderfilme aus, und er schätzt die Freiheit, die Fassbinder ihm ließ („Er war zu 99% mit den Motiven einverstanden, die ich ausgesucht hatte"). Der Erfolg war nicht programmiert. Raab war in Venedig dabei, als auf der Biennale LIEBE IST KÄLTER ALS DER TOD ausgebuht wurde. Das änderte sich 1969 mit WARUM LÄUFT HERR R. AMOK? Aus der großen Liebe wurde eine Haßliebe, durchaus auch öffentlich ausgetragen, und Raab begann seine unzähligen Versuche, sich aus der Abhängigkeit, die ihn gefangenhielt, zu befreien.

 

Im ersten eigenen Projekt DIE ZÄRTLICHKEIT DER WÖLFE (1973, Regie: Ulli Lommel) treibt er das 'Kann nicht - muß!' des Trieb- und Knaben-Mörders Haarmann in die Dimensionen des NOSFERATU und vor allem des M. Max Schreck und Peter Lorre werden Raabs Ahnen. SATANSBRATEN (1975/76, Regie: Fassbinder) nennt er seinen schönsten Film, den eigenen, DIE INSEL DER BLUTIGEN PLANTAGE (1982, mit Udo Kier, Peter Kern und Barbara Valentin) seinen schlechtesten. Dieser Film, eine Abrechnung mit dem geliebten, gehaßten Herrscher Fassbinder, dem König Ubu zehn Jahre lang, - er reüssiert heute in dem neuen Genre des Trash-Films vor einem jungen Publikum. Es ist die aufmüpfige Geste des „Heute spielen wir den Boss" (Untertitel von WO GEHT'S DENN HIER ZUM FILM'?, 1981; Raab nennt ihn „einen meiner besten Filme"; Regie: Peer Raben). Raab spielt den 'schlechten' Geschmack heraus, den camp, und er ist zum Schreien, daß Gott erbarm. In 90 Spiel- und Fernsehfilmen wirkte er mit, regiert von Reinhard Hauff, Thomas Brasch, Geissendörfer, Werner Schroeter, Ulrike Ottinger, André Téchiné, Egon Günther, Barbet Schroeder, Jim Goddard. In den Fernsehserien „Die schwarzen Brüder" und „Kir Royal" erschreckte und entzückte er als Schwarzer Mann die TV-Nachmittags-Jugend, als einsamer Schwuler die Erwachsenen.

 

Zadek holte ihn 1986 ins Ensemble des Deutschen Schauspielhauses, „in die Stadt meiner Katastrophen". Hier ging sein Freund Thomas in den Tod, „zielstrebig". Und Raab sah den eigenen Tod kommen. „Ich bin vorbereitet", sagte er wenige Tage zuvor in einem Interview mit Radio 107 zu Jens Büchsmann, „und ich lebe so weiter, als ob ich ewig lebe". Vier Wochen vor dem Tod stellte er, als das „Filmtier", das er zeitlebens war, seine Filme, die das „Low Budget Forum" zu seinen Ehren zeigte, selbst vor, zum Ergötzen und Erschauern des Publikums, wenn er heiter, rede- und spielfreudig sich auf seinen Krücken zur Leinwand schleppte, fast erblindet. „Ja, ich habe exzessiv gelebt. Und ich habe mein Leben genossen. Und ich denke nicht, daß mit meinem Tod alles vorbei ist". Das sagte er schlicht, wie nebenbei, etwas, was sich von selbst versteht.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 8/88