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Nazis Eine Trash-Revue

 

Wenn Ende des Monats Tom Cruise in OPERATION WALKÜRE das Führerhauptquartier betritt, ist die Schlacht um die Deutung der Vergangenheit bereits verloren. Denn die Geschichte des »Dritten Reichs« ist im Rauschen der populären Kultur aufgegangen. Nazis werden im Comic verprügelt, im Porno fetischisiert, besungen, verlacht, geächtet und überhaupt auf die seltsamste Art ausgebeutet. Marcus Stiglegger über die Entwicklung des Pop-Faschos. Oder des Fascho-Pops?

 

»NAZIS SIND POP!« Vor acht Jahren verkündete der Journalist Burkhard Schröder diese irritierende Erkenntnis in seinem gleichnamigen Buch (2000), in dem er die Medien und Gefilde der populären Kultur auf ihre Anfälligkeit für Nazikitsch und -stereotypen durchleuchtete. Was er damals nicht wissen konnte: Nazis sind nicht nur Pop, sie sind auch Trash. Und sie kommen zurück: aus den Archiven der Grindhouse-Kinos, auf DVDs alter Exploitationfilme, aus der übermütigen Fantasie von Filmnerds aus aller Welt - und in aktuellen Kinoproduktionen.

 

Hilflos pickt da die Friedenstaube auf Metall, als sie - wie die Totale schließlich zeigt - auf dem Kopf eines stählernen Reichsadlers sitzt. So will es zumindest der Teaser eines skandinavischen Science-Fictions-Films namens IRON SKY (2009), der die Mär von den Flugscheiben des »Dritten Reiches« zu Ende denkt: Von der dunklen Seite des Mondes kehren die schwarzbraunen Horden wieder. Auf dem Filmfestival in Cannes 2008 empfing man die Kunden aus der Filmindustrie dazu in passenden Uniformen. Ein New Yorker Grindhouse-Fan schuf mit dem dilettantischen BLITZKRIEG (2007) für die Trashnazis der 1970er Jahre ein äußerst peinliches Denkmal. Tom Cruise salutiert mit gebügelter Uniform und Augenklappe als »guter Wehrmachtsoffizier« in OPERATION WALKÜRE (2008). Thomas Kretschmann beweist als Eichmann im gleichnamigen britischen Film (2007), dass dessen Bosheit keineswegs »banal« war (Hannah Ahrendt), sondern - zumindest in den Rückblicken auf der Leinwand - explizit sexuell sadistische Züge getragen habe. Und in dem französischen Kriegsdrama FEMALE AGENTS (2007) tritt Sophie Marceau als todesmutige Agentin der Resistance gegen einen aalglatten SS-Mann (Moritz Bleibtreu) an, um den D-Day zu ermöglichen. In dem GRINDHOUSE-Fake-Trailer von Rob Zombie konnten wir dann die ultimative Übersteigerung bestaunen: WEREWOLF WOMEN OF THE SS (2006) mit Udo Kier und Sheri Moon Zombie. Ob dieser Film je verwirklicht wird, ist ungewiss - deutlich ist jedoch die Forderung zahlreicher Fans im Internet, die sich diesen Film herbeisehnen. Und trat nicht kürzlich Jörg Buttgereits »Captain Berlin« auf einer Berliner Bühne gegen Hitlers Gehirn an? Die Verfilmung dieser Trashrevue wird ebenfalls bald auf DVD erscheinen.

 

Auch Steven Spielbergs Werk ist durchzogen vom stereotypen Nazi-Baddie mit Monokel und schwarzen Lederhandschuhen, er taucht im ersten INDIANA-JONES-Film (1981) ebenso auf wie im thematisch entsprechenden dritten Teil INDIANA JONES UND DER LETZTE KREUZZUG (1989), der sich an den Berichten des SS-Gralssuchers Otto Rahn orientiert und in dem sich Indy zu dem ikonischen Spruch hinreißen lässt: »Nazis - I hate these guys!« Dabei sind Spielbergs Inszenierungen ebenso inspiriert von den Fantasien der Men's Magazines der 1950er Jahre, in denen aufrechte Amerikaner den germanischen Barbaren mit der Pistole in der Hand die Demokratie brachten, wie auch von der Nazi-fetischistischen Softpornografie der 1970er Jahre -vom LOVE CAMP 7 (1969) über ILSA - SHE-WOLF OF THE SS (1975) bis nach Italien - dort nannte man das »Sadiconazista«.

 

Dieser auf den ersten Blick vermutlich bizarre Begriff leitet sich von der Bezeichnung für italienische Pulpliteratur der sechziger Jahre ab, in der sich bereits eine Verquickung von Sexualität, Grausamkeit und Politik abzeichnet. Dieser Begriff taugt also auch zur Kennzeichnung der filmischen Spielart, die eine - in dieser Einseitigkeit zweifellos unhistorische - Gleichung zwischen nationalsozialistischer Diktatur und sexuellem Sadismus anstrebt. Es muss in diesem Kontext allerdings deutlich unterschieden werden zwischen höchst ambitionierten, aus ihrer Zeit heraus durchaus politisch und philosophisch inspirierten Produktionen- zu denen beispielsweise Luchino Viscontis DIE VERDAMMTEN (1969), Bernardo Bertoluccis DER GROSSE IRRTUM (1970), Liliana Cavanis DER NACHTPORTIER (1973), Lina Wertmüllers SIEBEN SCHÖNHEITEN (1975) und Pier Paolo Pasolinis DIE 120 TAGE VON SODOM (1975) zählen - und sensationsbetonten exploitativen Nachziehern, die das vermeintliche Erfolgsrezept der prominenten Vorgängerfilme in meist softpornografischem Kontext auflösen. Letztere kann man als Exploitationfilme bezeichnen, die aus einem populären Thema mit reißerischern Potenzial ein Höchstmaß an spektakulären Effekten gewinnen.

 

In dieser Zeit von 1968 bis 1982 spezialisierten sich nicht nur einzelne Regisseure auf die Produktion von Exploitationfilmen, sondern auch ganze Produktionsfirmen, wie zum Beispiel in Italien Fulvia und S.E.F.I. Cinematografica, in Frankreich Eurocine und in der Schweiz Erwin C. Dietrich, der seinerseits eine Reihe von Frauenlagerfilmen produzierte und inszenierte. Die Sadiconazista-Filme, die in Deutschland meist weder im Kino noch auf Video zu sehen waren, werden in der Undergroundfilm-Presse nicht ganz ungerechtfertigt stets im Zusammenhang mit den gleichzeitig populären Frauenlager-und Frauengefängnisfilmen besprochen.

 

Viscontis, Cavanis, Bertoluccis und Pasolinis Filme boten also ein grobes Grundgerüst, auf dem die kommerzielle Exploitation gedeihen konnte. Tinto Brass bewegt sich mit seinem Spionagethriller SALON KITTY - DOPPELSPIEL (1976), der Helmut Berger als ambivalenten SSMann präsentiert, in einer Grauzone: Der Film ist sehr aufwändig produziert und mit prominenten Schauspielern besetzt. Dennoch bietet er vornehmlich auf äußere Spannung abzielende, freizügig inszenierte Set-Pieces, die durch die dramaturgischen Voraussetzungen vage zusammengehalten werden. Vermutlich ist es gerade diese Mischung, die den Film heute zum Kultfilm macht. Brass, der in den sechziger Jahren als eine kreative Hoffnung des italienischen Films galt, widmete sich einem derartigen Konzept auch später, etwa in dem großangelegten Historienporno CALIGULA (1979), der Malcolm McDowell, Helen Mirren, Peter 0'Toole und John Gielgud mit Hardcore-und Splatterexzessen in Verbindung brachte. Brass selbst sah damals anscheinend sowohl SALON KITTY als auch CALIGULA als politische Parabel mit Aktualitätsanspruch. Was er wirklich leistete, ist das bis heute eindrucksvollste Porträt der Nazi-Ära als Trash-Revue - entworfen vom legendären Filmarchitekten Ken Adam.

 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es sich beim exploitativen Sadiconazistafilm der 1970er Jahre weder um eine politische Botschaft noch um tatsächliche Pornografie oder etwa Gewaltpornografie handelt, auch wenn einige der Beispiele wenig geschmackssicher mit dokumentarischen Quellen spielen. Diese Filme sind der Versuch, vorhergehende Filmszenarien wie DER NACHTPORTIER auf ihre sadomasochistische Fabel zu reduzieren, um einem exzessiven patriarchalen Zerstörungs-und Todestrieb unterhaltsam zu huldigen. Historische Elemente und die tatsächliche sadomasochistische Dialektik zwischen aktivem und passivem Partner werden dabei missbraucht und verfälscht.

 

Susan Sontag stellte bereits in ihrem Aufsatz »Faszinierender Faschismus II« (1976) fest, dass mit der veräußerlichten Stereotypisierung des Nazis eine sexuelle Fantasie einhergeht, die weltweite Wirkung erzielt. »Stiefel, Leder, Ketten, Eiserne Kreuze auf schimmernden Torsos, Hakenkreuze« - das seien die Insignien dieser speziellen pornografischen Fantasie. Von einer kurzen Beschreibung kommt sie schließlich zur zentralen Frage: Was ist an den Veräußerlichungen eines bürokratisierten, hygienefanatischen, totalitären Systems erotisch? Dass militärische Uniformen bisweilen zu einem sexuellen Fetisch erhoben werden, ist bekannt und des Öfteren in Fachpublikationen aus dem Bereich der sexuellen Phänomenologie knapp behandelt worden. Was den »Appeal« der Männer (und Frauen) in Uniform also ausmacht, ist scheinbar die Abstraktion des Martialischen in Form eines Modegegenstandes. Sie symbolisiert die Zugehörigkeit zu einer Elite und konkretisiert Dominanz und kanonisierte Attraktivität. Die filmisch projizierte Uniform wird - so auch Sontag - ihrerseits zur Projektionsfläche sexueller Wünsche und Fantasien.

 

Auch populäre Filme anderer Genres greifen immer wieder - nicht selten mangels Originalität - auf das sexuell aufgeladene Potenzial dieser Kleidungsstereotypen zurück: KRIEG DER STERNE (1976) von George Lucas, Ken Russells MAHLER (1976), Alan Parkers PINK FLOYD - THE WALL (1981), Richard Loncraines RICHARD III (1995) oder Paul Verhoevens STARSHIP TROOPERS (1997). Verhoeven gebührt die Ehre, in seinem Widerstandsdrama BLACK BOOK (2006) diese Elemente wieder konkret historisiert zu haben. Und er genießt es sichtlich, den ambivalenten SS-Mann in der zentralen Liebesszene zum fetischistischen Faszinosum zu stilisieren, dem die Protagonistin schließlich erliegt.

 

Abschließend lässt sich sagen, dass der italienische Exploitationfilm der 1970er Jahre wohl am drastischsten die Stereotypisierung der Bilder vom Nationalsozialismus und vom Holocaust betrieben und gefördert hat, wenn auch - man möchte sagen glücklicherweise - nur mit mäßigem kommerziellem Erfolg. Emblematisch für den Sadiconazistafilm wurde tatsächlich der kanadische Film ILSA - SHE-WOLF OF THE SS, der alle oben definierten Kategorien erfüllt, auf DVD verfügbar ist und sogar als T-Shirt-Motiv vertrieben wird. Es steht außer Frage, dass diese Stereotypen im aktuellen Kino Wirkung hinterlassen haben. So ist Sadiconazista als Strömung vielleicht eine Kuriosität der betont tabulosen 1970er Jahre, doch die Sexualisierung des Bildes vom Nazi-Folterknecht, der jetzt als Trash-Nazi reinkarniert, hat sich tief verankert im zeitgenössischen, populärkulturellen Bewusstsein Europas, Japans und Amerikas. Abschließend ein polemischer Kommentar des Philosophen Michel Foucault zum Sadiconazista-Phänomen aus dem Jahr 1976: »Das ist ein gewaltiger Irrtum über die Geschichte. Der Nazismus wurde im 20. Jahrhundert nicht von den Verrückten des Eros erfunden, sondern von den Kleinbürgern, den übelsten, biedersten und ekelhaftesten, die man sich vorstellen kann. Himmler war eine Art Landwirt, der eine Krankenschwester geheiratet hatte. Man muss begreifen, dass die Konzentrationslager der gemeinsamen Fantasie einer Krankenschwester und eines Hühnerzüchters entsprossen sind. [...] Man hat dort Millionen Menschen getötet, ich sage dies also nicht, um die Vorwürfe zu entkräften, die es diesem Unternehmen zu machen gilt, sondern gerade um es von allen erotischen Werten zu entzaubern, die man ihm zuschreiben wollte Oder, wie es der Popjournalist Martin Büsser in seinem Buch »Lustmord-Mordlust« (2000) formuliert: »Die abendländische Gesellschaft hat de Sade dermaßen verinnerlicht, dass sie sich die letzte Form von enthemmter sexueller Befreiung nur noch in Form der faschistischen Quälereien und Morde vorstellen kann. Wie arm ist doch unser Bildervorrat

 

Marcus Stiglegger

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: epd Film 1/2009

 

 

Marcus Stiglegger hat das »Genre« in seinem Buch »Sadiconazista. Sexualität und Faschismus im Film«, erschienen im Gardez! Verlag, ausführlich beschrieben

 

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