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Moderne Zeiten

Von den Brüdern Lumières über Charlie Chaplin bis zu Andreas Dresen - die ganz normale Arbeit, der ganz normale Arbeitsplatz kommen nur selten in Filmen vor

 

Wie das Auto, das Fließband und die Eisenbahn ist der Film ein Sprössling der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts, auch wenn er seine Höhenflüge erst später feiern sollte. Die kinematographische Auflösung der Welt in stillgestellte Einzelbilder, die dann technisch in neue künstliche Bewegung versetzt werden, ist strukturell der gleiche Vorgang wie der in der Fabrik, wo menschliche Arbeitsabläufe erst in ihre Einzelteile zerlegt werden. um sie dann durch die gemeinsame Arbeit im Maschinentakt wieder zusammenzufügen. Montage nennen wir die Zusammenfügung der Filmbilder zu einem Ganzen. Monteurinnen heißt es in den Stellenanzeigen bis heute, wenn Frauen gesucht werden, um Fernseher oder Telefone zusammenzusetzen.

 

Funktionell markierte das Kino die Entstehung einer warenförmigen Freizeitindustrie für die Menschen, die in den wuchernden Großstädten zusammengekommen waren, um auf dem boomenden Arbeitsmarkt ihr Glück zu versuchen. Die Arbeiter und Arbeiterinnen, die tagsüber ihre Autonomie an die Fabrikanten verdingten, wurden dafür nach Feierabend mit Spektakeln entschädigt, die ihnen für kurze Zeit per Projektion diese Autonomie scheinbar zurückgaben. Ist es mehr als nur ein ironischer Zufall, dass der erste Film der Filmgeschichte 1895 genau diese Grenze zwischen Fabrikarbeit und Freizeit spiegelt? Lumières Arbeiter verlassen die Fabrik zeigt 45 Sekunden einen breiten Strom von Männern und Frauen, die aus dem Fabriktor im Hintergrund auf die in Augenhöhe postierte Kamera zugelaufen kommen. Sie bewegen ihre Schritte in die Freiheit des Feierabends: Doch das Kommando dazu hatte ihnen der Fabrikherr Lumière selbst gegeben, der ihnen da mit der Kamera gegenüber stand. Eine emblematische Bildfolge, deren Spuren in der Film- und Mediengeschichte Harun Farocki hundert Jahre später mit seinem Filmessay Arbeiter verlassen die Fabrik aufgespürt hat.

 

Farocki konstatiert aber auch, dass es trotz der engen Verknüpfung zwischen Industriearbeit und Kino abgesehen von diesem in vielen Reportagen und Filmbeiträgen wiederholten Blick auf die formierte Arbeiterschaft vor dem Fabriktor die industrielle Arbeitswelt keinen Eingang in den Hauptstrang der Filmgeschichte gefunden hat. "Nach hundert Jahren lässt sich sagen, dass die Fabrik den Film kaum angezogen, eher abgestoßen hat. Der Arbeits- oder Arbeiterfilm ist kein Hauptgenre geworden, der Platz vor dem Werkplatz ist ein Nebenschauplatz geblieben." Vielleicht erscheinen deshalb die wenigen Filme, die den scheinbaren Nebenschauplatz dennoch ins Zentrum stellen, im Rückblick als besonders klar leuchtende Sterne der Filmgeschichte, weil sie die eigenen Mediengeschichte mitreflektieren. So stecken Fritz Langs Metropolis (1924). Eisensteins Streik (1925) und Vertovs Der Mann mit der Kamera (1929) für das frühe Kino den Rahmen ab zwischen modernistisch verpackter korporatistischer Versöhnungsfantasie, historischer Legitimierung revolutionärer Umbrüche und einer konkreten Utopie der Befreiung auch durch die entfesselte Technik. Den systemübergreifenden strukturellen Konformismus des Fabriksystems fängt wohl am treffendsten Charlie Chaplin in seinen Modern Times ein, die zehn Jahre später während des New Deal das fordistische System satirisch zugespitzt vorzuführen. Dass der von seinem Helden, dem Tramp, gewählte Ausweg in Arbeitsverweigerung und Liebe auf das kleine private Glück setzt, können ihm nur Missgünstige wirklich übel nehmen. Gelesen als imaginäres Leitbild für den zukünftigen Weg des Kinos aus den Werkhallen in die Welt der Beziehungssümpfe und romantischen Sonnenuntergänge kann er aber durchaus zu denken geben.

 

Allerdings gibt es auch heute in den nationalen Kinokulturen - von Hollywood einmal ganz abgesehen - enorme Unterschiede, was den Stellenwert des Arbeitslebens betrifft. Während etwa in Frankreich die berufliche Lebenswelt der Helden und die sozialen Auseinandersetzungen dort auch bei romantischen Filmen oder Komödien oft eine nennenswerte Rolle spielt, ist die Arbeit im deutschen Spielfilm höchstens ein Nebenschauplatz, der - wenn überhaupt - knapp eingeführt wird, um den sozialen Hintergrund der Figuren zu markieren. Wenn die Menschen doch einmal arbeiten, dann meist für sich allein und "kreativ", was zu einer erstaunlichen Schwemme an Fotografinnen im jüngsten Film führte. Und als sich das deutsche Kino nach dem Komödienboom Ende der Neunziger wieder verstärkt sozialen Themen zuwandte, äußerste sich das erst mal in der Beschäftigung mit Menschen, die so weit unten in der Gesellschaft angekommen waren, dass ihnen auch Wohnung und Arbeit abhanden gekommen war, wie etwa in Jan Schüttes Fette Welt (1998) oder Nachtgestalten von Andreas Dresen (1999). Ausnahmen gibt es selbstverständlich. Oder mag man es schon als Trend bezeichnen, was da die letzten Jahre in deutsche Kinos kam? Maren Ades bemerkenswertes Regiedebüt Der Wald vor lauter Bäumen (2005) etwa, der mit kaum erträglicher Eindringlichkeit von den Leidensmonaten einer jungen Lehrerin erzählt, der es an dem nötigen Selbstbewusstsein für ihren nervenzehrenden Job fehlt. Und auch Andreas Dresen hat nach Die Polizistin (2000) mit Sommer vorm Balkon ein weiteres Mal erfolgreich versucht, beruflicher Lebensrealität als sozialem Erfahrungsraum filmische Präsenz zu geben. Dass dabei neben dem Alltagsalltag auch der Lebenszustand Arbeitslosigkeit zum Thema wird, ist nur konsequent.

 

Der "kollektive Auszug der Arbeiter aus der Fabrik", von der Farocki spricht, lässt sich - jedenfalls für Westeuropa - ja auch metaphorisch lesen als Bild für die ökonomische Gewalt, die die traditionellen Formen industrieller Lohnarbeit zunehmend in andere Regionen verlagert und in sogenannte prekäre Arbeitsverhältnisse auflöst. Und fast sieht es so aus, als würden die Bilder und Geschichten aus der guten alten Arbeitswelt neue vermehrte Attraktivität für die Kamera gewinnen, seitdem die Lohnarbeit in der Wirklichkeit Mangelware geworden ist. Der derzeit neu erblühende Dokumentarfilm kann hier wegen seiner kürzeren Produktionszeiten wohl als seismographischer Anzeiger gelten, auch wenn viele dieser Filme leider den Weg in die normalen Kino nicht finden werden. Im Fernsehen hat das „Kleine Fernsehspiel“ schon vor drei Jahren mit einer siebenteiligen Reihe zu Absolut Beginners - Der erste Job thematische Akzente gesetzt. Und auch auf den Dokumentarfilmfestivals der letzten Jahre war ein auffälliger Boom an Filmen zu verzeichnen, die sich die weltweite Entwicklung des menschlichen Rohstoffes Arbeit zum Thema genommen haben. Mit Work in Progress und ueber arbeiten gingen im vergangenen Herbst gleich zwei groß angelegte Filmprogramme zum Thema Arbeit/Nicht-Arbeit auf Deutschlandtour. Work in Progress ist Teil eines breiten Projekts zur Arbeit in Zukunft der Kulturstiftung des Bundes, für ueber arbeiten wurde von der Aktion Mensch im Rahmen des sogenannten Gesellschafter-Projekts elf Dokumentarfilme auf eine Tournee durch die Republik geschickt.

 

Inhaltlich kristallisieren sich die Filmprojekte einerseits um den Niedergang der industriellen Arbeitsgesellschaft in Europa und der mit ihr verbundenen traditionellen Arbeiterkultur und andererseits um die neue globale Arbeitsteilung, die italienische Luxusjeans in China produzieren lässt (China Blue von Micha X. Peled) und amerikanischen Edelkaffee in Äthiopien (Schwarzes Gold, Regie: Nick und Marc Francis) zu Ausbeutungs-Bedingungen, wie sie im 19. Jahrhundert in Europa Praxis waren. John & Jane von Ashim Ahluw porträtiert einige Männer und Frauen, die in einem Call-Center in Bombay Dienstleistungen etwa in den amerikanischen Mittelwesten verkaufen und zeigt dabei eindringlich, welche Auswirkungen diese globalisierte berufliche Praxis auch auf das Bewusstsein der in ihr Arbeitenden hat. John & Jane ist ein in seiner unsentimentalen Präzision und ästhetischen Vielschichtigkeit selten gelungener Film zum Thema globaler Arbeitsteilung, der versucht, auch komplexe ökonomische und mentale Prozesse und Zusammenhänge sichtbar zu machen. Viel leichter gemacht hat es sich da der österreichische Weltreisende Michael Glawogger, auch wenn seine filmische Hymne an die körperliche Schwerstarbeit unter der Last vorgeblicher Gewichtigkeit ächzt. Working Man´s Death betreibt die Erhebung der Arbeit ins Sakrale indem die Filmemacher in ihren sicherlich grandios überwältigenden Bildern ihre eigene Arbeit ausstellen und feiern.

 

Überhaupt fällt auf, dass es - bis auf Chaplin - unter den Filmen zur Arbeit kaum welche gibt, die den protestantischen Arbeitsethos verweigern, vielleicht, weil das Filmemachen selbst eine zu arbeitsame Kunst ist. So sind es - die Prostitution einmal ausgenommen - offensichtlich auch die männlichen und körperlichen Spielarten der Arbeit, die für Filmemacher und Produzenten deutlich mehr Sex-Appeal haben als andere. So rückten in den letzten Jahren Dutzende von Dokumentarfilmen die untergehende europäische Bergarbeiterkultur ins Zentrum ihrer postindustriellen Trauerarbeit, während die doch ebenso bedrohte Gummibaum-Welt deutscher Amtsstubengemütlichkeit anscheinend nicht einer einzigen Bemühung wert schien. Das deutsche Büro, 1966 in der Raumpatrouille noch als Vorlage für abenteuerliche Weltraumreisen gut, ist heute offensichtlich nicht fotogen genug, um im Dokumentarfilm aufzutreten und hat im Fernsehen bei diversen Komödienalbereien und Polizeiserien Zuflucht gefunden. Aber vielleicht kommt er ja irgendwann doch noch, der große Dokumentarfilm über die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte oder die Telekom. Doch letzteres dürfte wohl die Angst um den Shareholder Value verhindern.

 

Silvia Hallensleben

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: freitag

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