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Kino für die Ohren

Was Blinde im Kino sehen und wie die Audiodeskription ihren Filmgenuss steigern kann.

 

Die Kassiererin wirkt irritiert. Aber die Frau mit dem weißen Stock hat nur gefragt, ob Blinde ermäßigten Eintritt zahlen. Die Frage hört man im Berliner Kino "Filmkunst 66" offenbar nicht alle Tage. Aber wie Gudrun Seno, die 55-jährige Theaterpädagogin, gehen blinde und sehbehinderte Menschen tatsächlich ins Kino. Meistens begleitet sie jemand, der ihnen in den Dialogpausen zuflüstert, was es zu sehen gibt. Der Mann, der mit Gudrun gekommen ist, scheitert schon beim Vorfilm an seiner Aufgabe. Auf der Leinwand passieren hundert Dinge gleichzeitig. Was die blinde Frau davon hört, sind vereinzelte Geräuscheffekte ohne Zusammenhang. Bald gibt ihr Begleiter auf, diesen Bildersalat auch nur ansatzweise zu beschreiben.

 

Doch sie sind wegen "Anything Else" gekommen, dem neuen Woody-Allen-Film. "Neugierig wäre ich schon, wie Woody Allen heute aussieht", sagt Gudrun. Aber nach ihrem Unfall vor fünfzehn Jahren und nach vielen Operationen ist ihr nur ein winziger Sehrest auf dem rechten Auge geblieben. Gerade genug, um bei hellem Tageslicht die Umrisse ihres Gegenübers zu erahnen. Zuwenig für den alt gewordenen Stadtneurotiker auf der Leinwand. Trotzdem braucht sich ihr Kinobegleiter beim Hauptfilm nicht ins Zeug zu legen. Die Handlung ergibt sich aus den Dialogen. "Jetzt küssen sie sich", meint er Gudrun doch einmal erklären zu müssen. Aber das hat sie längst gehört.

 

Vor ihrem Unfall ging Gudrun öfter ins Kino. Zum ersten Mal mit sechs Jahren, in "Die blaue Blume", später nahm ihr großer Bruder sie in Monumentalfilme, Italowestern und Abenteuerstorys mit. Heute interessiert sie der Plot eines Films kaum, "die grobe Handlung kann ich mir hinterher erzählen lassen." Gudrun geht vor allem wegen der Themen ins Kino, deshalb wird sie sich "Der Untergang" anhören, auch weil sie neugierig ist, "wie der Bruno Ganz den Hitler spricht".

 

Blinde im Kino das ist kein Witz. Eine halbe Million Sehbehinderte und 145.000 Blinde leben in Deutschland. Viele Sehende glauben, sie hörten nur Radio. In Wahrheit nutzen viele Blinde das Informations- und Unterhaltungsangebot im Fernsehen. Wenn eine Familie sonntags den "Tatort" guckt, will die blinde Tochter nicht als Einzige vor dem Küchenradio sitzen und einem Kriminalhörspiel lauschen. Und sie will auch mit ihren sehenden Freundinnen ins Kino gehen.

 

In einer Szene seines Films "Dancer in the Dark" zeigt Lars von Trier, wie sich eine Sehende und eine Sehbehinderte im Kleinstadtkino unterhalten. Dort dolmetscht Cathérine Deneuve ihrer Freundin Björk die Bilder eines Musicalfilms. Im Kino ist dieses "Einflüstern" bis heute die Regel. Die DVD-Fassung von "Dancer in the Dark" bietet mehr Komfort. Sehbehinderte können eine Tonspur anwählen, die eine akustische Bildbeschreibung bietet. "Audiodeskripion" heißt das Verfahren.

 

Die Mehrkanalton-Technik macht im Heimkino möglich, was für die große Leinwand noch auf Festivals und Filmpremieren beschränkt ist. Meist werden Filme ausgesucht, die von Blinden erzählen. "Bei dieser Themenwahl darf das Angebot an Audiodeskription im Kino nicht stehenbleiben", findet Heiko Kunert aus Hamburg. Er weiß, wovon er spricht. Der 28-jährige Student der Geschichte und Politik ist der einzige Blinde im Kreis seiner Komilitonen. Könnte er sehen, wären die Wände seiner Wohnung womöglich mit Filmplakaten gepflastert, denn Heiko ist ein veritabler Kinofreak.

 

Er liebt dialogreiche Komödien oder Filme wie "Ocean´s Eleven", in denen "die Musik stilvoll eingesetzt wird." Heiko schätzt die modernen Surroundverfahren im Kino, weil sie eine unmittelbare Filmatmosphäre schaffen. Den hektischen Sound von Actionfilmen lehnt er ab, "weil mich das verwirrt".

 

Gehirnjogging gehört bei Heiko zum Kinobesuch, denn er muss sich Namen von Filmfiguren früh einprägen, muss aus Sätzen und Geräuschen auf den Handlungsverlauf schließen. Im Zweifelsfall fragt er nach, damit ihm sein Nachbar "keine Blase ans Ohr kaut" und die anderen Kinobesucher sich nicht gestört fühlen. Selbstgemachte Audiodeskription ist keine leichte Aufgabe. Sie strapaziert auch die Nerven des sehenden Begleiters. Er muss beschreiben, während er sieht, verzettelt sich mit der Handlung, erlebt eher Freizeitstress statt Filmgenuss.

 

Als im vergangenen März in Hamburg "Erbsen auf halb 6" Premiere feierte, erlebte Heiko zum ersten Mal echte Audiodeskription im Kino. Die Liebesgeschichte um einen unfallerblindeten Theaterregisseur und eine blinde Mobilitätstrainerin tourte in fünf deutschen Städten mit einer "Hörfilm"-Fassung im Huckepack. Heiko und anderen Blinden wurde die Filmbeschreibung per Infrarot-Kopfhörer zugespielt, sie hörten treffende Bildbeschreibungen, gesprochen von einer angenehmen, zurückhaltenden Frauenstimme. Das entspricht der Absicht der Hörfilm-Produzenten: jedes künstliche Anheizen einer Filmszene würde den Nur-Hörer von Dialog und Atmosphäre ablenken. Ein guter Hörfilm-Sprecher konkurriert nicht mit den Stimmen der Schauspieler. "Disappear!" heißt die Hauptmaxime der Audiodeskription. Zudem fiel die Sprecherin den Protagonisten von "Erbsen auf halb 6" nie ins Wort, denn ihre Stimme kam von einer CD, die synchron mit der Tonspur lief. "Dolby Screen Talk" heißt das Verfahren, das in diesem Jahr eingeführt wurde.

 

Heiko hatte im Kino eine spezielle Steno-Schreibmaschine auf dem Schoß. Er machte sich damit Notizen, als Gastkritiker der "Welt am Sonntag". Er behandelte sowohl die neue Hörfilm-Technik als auch den Film. "Als romantischer, anrührender Liebesfilm ist 'Erbsen auf halb 6' gelungen", schrieb er in der Zeitung aber bis heute stört sich Heiko an den Blinden-Klischees des Films. Und ihn nervt die "Botschaft, dass Blinde nur untereinander glücklich werden können". Heiko, dessen Freundin sehend ist, kennt natürlich auch blinde Paare: "Manche kapseln sich von der Welt der Sehenden ab", räumt er ein. Für ihn selbst käme das nie in Frage. Vielleicht, weil er auf ein integratives Gymnasium gegangen ist und heute viele sehende Freunde hat.

 

Der "Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband e.V." setzt sich dafür ein, dass seine Mitglieder in die Gesellschaft integriert werden. Die Berliner Zentrale und ihre Partner auf Landesebene engagieren sich auch im Medienbereich, wo verstärkt Barrieren abgebaut werden sollen. Immerhin senden Fernsehanstalten wie der Bayerische Rundfunk ein Pionier auf dem Hörfilmsektor , das ZDF und Arte Fernsehspiele und Spielfilme mit Audiodeskription. Einen Teil dieser Filme produziert eine Tochterorganisation des DBSV, die "Deutsche Hörfilm gemeinnützige GmbH", abgekürzt DHG. Sie hat mit dazu beigetragen, dass es heute über 400 Spielfilme mit Audiodeskription gibt.

 

Im zweiten Stock eines renovierten Altbaus in Berlin Mitte residieren DBSV und DHG gemeinsam. Hier hängt ein riesiges Pastell-Bild von Louis Braille, der 1821 die Blindenschrift erfand. Über den Hörfilm wäre der französische Blindenlehrer begeistert gewesen. Martina Wiemers, die Geschäftsführerin der DHG, definiert den Hörfilm als 'Film mit akustischen Untertiteln'. "Überall dort, wo ein Film ausschließlich visuell erzählt, sind Blinde im Kino oder vor dem Fernseher von der Handlung ausgeschlossen," erklärt Wiemers, "die Audiodeskription setzt die fehlende Information ins Wort". Mit höchstens 6.000 Euro Produktionskosten ist ein Hörfilm nicht einmal teuer. Durchschnittlich zwei Wochen brauchen die DHG-Mitarbeiter für eine Audiodeskription. Zunächst beschreibt ein "Haupttexter" den Film Szene für Szene. Dann kontrolliert ein blinder Filmbeschreiber das Ergebnis und schlägt Verbesserungen vor. Schließlich richtet ein dritter Kollege das Textbuch fürs Studio ein, wo er die Sprecheraufnahmen und die Tonmischung überwacht.

 

Nicht jeder Film eignet sich für die Beschreibung. Von japanischen Zeichentrickfilmen und amerikanischen Actionfilmen lässt die DHG die Finger. "Da ist die Bilddichte zu groß", sagt Martina Wiemers. Dennoch wird zuweilen gerne experimentiert: Im November soll die DVD des koreanisch-deutschen Films "Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Frühling" im Handel erhältlich sein einschließlich eines Hörfilm-Tracks, an dem ein dreiköpfiges DHG-Team wochenlang feilte. Die Herausforderung lag darin, dass Regisseur und Autor Kim Ki-Duk seine Figuren nur wenig sprechen lässt und sehr visuell erzählt. "Fast ein Stummfilm", seufzt Martina Wiemers, "mit nur sechs Seiten Dialogbuch." Doch die ausgedehnten Sprechpausen durften nicht einfach zugetextet werden. Dass sich die meditative akustische Atmosphäre auch in der Hörfilmversion entfalten kann, darauf achtete schon der Haupttexter, der im ersten Arbeitsgang eine im Prinzip produktionsfähige Fassung schrieb.

 

Dann kam Dietrich Plückhan ins Spiel, einer der sechs blinden Filmbeschreiber, die für die DHG unverzichtbar sind. Plückhan ist seit den Hörfilm-Anfängen ehrenamtlich dabei. Ein Jurist und Kinoenthusiast mit lebhaften Erinnerungen an "Winnetou" und "Doktor Schiwago". Filme, die er sah, bevor er vor zwanzig Jahren blind wurde. Doch: "Wie ein Sehender, der ein Buch liest, habe ich natürlich immer noch visuelle Vorstellungen von Personen, Landschaften und Gebäuden wie ein Sehender, der ein Buch liest und im Grunde nur Buchstaben vor Augen hat." Häufig "sehen" blinde Filmbeschreiber mehr. Dietrich Plückhan gibt ein Beispiel aus Kim Ki-Duks Jahreszeiten-Film. In einer Szene schlafen drei Menschen in einem Raum. Aus einigen Metern Distanz blicken sich zwei von ihnen in die Augen. Die Szene wurde angetextet mit: "Es ist Nacht". Plückhan fiel die Ungereimtheit auf. Wie konnten sich die Zwei im Dunkeln erkennen? Des Rätsels Lösung: Der sehende Kollege hatte die Kerzen unerwähnt gelassen, die den Raum schwach erhellten. Solche Detailfehler können das Hörfilm-Publikum irritieren.

 

Die Arbeit der DHG reicht zurück bis zur Berlinale 1999, damals noch im Rahmen eines "Projekts Hörfilm". Wim Wenders persönlich setzte sich dafür ein, dass sein "Buena Vista Social Club" als erste Audiodeskription des Festivals präsentiert wurde. Besonders lebhaft erinnert sich Martina Wiemers an "Pünktchen und Anton" mit Live-Beschreibung im selben Festivaljahr, für viele blinde und sehbehinderte Kinder im Publikum die erste Kinoerfahrung überhaupt. Zum "Festivalflimmern" (Wiemers) gehörte auch der Kinovorhang, der bei den Kleinen besonders gut ankam. "Die meisten Kinder konnten seinen Schatten noch sehen", erinnert sich Martina Wiemers. Seit damals wird auf jeder Berlinale ein Kinderfilmfest-Beitrag und ein Wettbewerbsfilm als Hörfilm präsentiert.

 

Bis 2003 wurden die vorproduzierten Beschreibungen noch ausschließlich live eingesprochen. "Dolby Screen Talk" kam erstmals 2004, auf dem Kinderfilmfest der Berlinale zum Einsatz. "Die Blindgänger" von Bernd Sahling erzählt von sehbehinderten Jugendlichen in einem Blindeninternat. Für diejenigen im Publikum, die den Film nur hören konnten, war die Audiodeskription besonders hilfreich, da Sahling während des Drehs mit seinen blinden Darstellern noch Dialoge strich. Er selbst spricht von einem "nicht besonders blindenfreundlichen Film". Die Hörfilm-Fassung begrüßt der Regisseur sehr, aber "derzeit ist nicht abzusehen, ob mein Film in ausgewählten Theatern mit einer Audiodeskription angeboten wird", sagt Sahling. Die DHG verhandelt noch mit verschiedenen Kinobetreibern über eine Hörfilm-Tour der "Blindgänger". Ein Kino auf Dauer als "Hörkino" aufzurüsten ist nicht billig. Größere Häuser könnten sich die Investition aber durchaus leisten.

 

In Amerika, dem Ursprungsland der Audiodeskription, gehen Blinde schon jetzt entspannter ins Kino. Zahlreiche US-Filmtheater haben das dort übliche "MoPix"-System installiert, das etwa 16.000 Dollar kostet. Dem Kalifornier Gregory Frazier kam 1975 die zündende Hörkino-Idee, nachdem er einen "Flüsterer" und seine blinde Frau während eines Films beobachtet hatte. Zusammen mit August Coppola, dem Bruder des berühmten Filmregisseurs, entwickelte Frazier ab 1977 das "Audiodescription"-System mit Funkkopfhörern. Mit "Indiana Jones and the Last Crusade" wurde es 1989 auf den Filmfestspielen in Cannes präsentiert und begeistert aufgenommen.

 

Auch in Deutschland ist der überwiegende Teil der Blinden und Sehbehinderten vom "Ohrenkino" begeistert. Skeptiker wie Gudrun Seno bilden eher die Ausnahme. Gudrun gefiel ihr erster und bisher einziger Hörfilm gar nicht: "Die Nacht singt ihre Lieder" im Berlinale-Wettbewerb, aber das könnte ebenso an den quälenden Dialogen im Film gelegen haben. Heiko Kunert, der auch im Fernsehen regelmäßig Audiodeskription zuschaltet, gehört zu den Enthusiasten. Je mehr die Beschreibung "sitzt", je mehr Heiko den Kommentar über dem Kino im Kopf vergessen kann, desto besser. Er ist überzeugt: "Wenn die 'Screen Talk'-Technik sich in deutschen Filmtheatern einmal durchgesetzt hat, werden mehr Blinde ins Kino gehen". Dann wird er ein alltäglicher Anblick sein der weiße Stock im Kino.

 

Jens Hinrichsen

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-dienst 21/04, 14. Oktober 2004

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