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Derek Jarman auf DVD

 

Die Derek-Jarman-Filme „The Angelique Conversation“, „Caravaggio“ und „Wittgenstein“ sind auf DVD erschienen

 

Britpoesie hat man auch vor zwanzig Jahren im Kino nicht erwartet. Deswegen war es 1985 das große Berlinaleereignis und eine Inspiration für die Jungen im Film: Derek Jarmans „Angelique Conversation“. Bis dahin ein wenig bekannter Name, ein Film im abgetanen Format des Super 8 aus der Unterschicht des „Underground“, und dann aufgeblasen und sensationell im großen Kino. Eine experimentelle Filmsonette, das Narrative ist weit weg, die Filmsprache ist die der pulsierenden Bilder, adäquat den engelhaften jungen Männern, denen Shakespeares Sonette gewidmet sind. „Die Augen geschlossen weit offen ... im Dunklen wach ... da Schattentrug dich mir vor Augen stellt“. Julie Dench, die große Interpretin, spricht in Abständen in den Bilderrausch hinein, die Stimme an- und abschwellend, dass einem die Tränen kommen. Okay, so war es 1985, und 2006, im DVD-Jahr, dann die große Frage: wird der große Eindruck sich wiederholen? Die Antwort ist in solchen Fällen fifty fifty. - Vor Erleichterung seufze ich: der große Eindruck wiederholt sich. Und die experimentelle Musik der Band Coil ist eher noch gewachsen, während doch so viel vergangen ist. „Die Freunde welken, da du hold gedeihst“. Ach ja, ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste, aber zwanzig Jahre weniger alt, wenn ich die DVD abspiele. Danke, Salzgeber!

 

Ich komme immer mehr ins Tagebuchschreiben rein. Aber warum soll es nicht auch filmzentrale-Blogger geben? Also genau 1 Jahr nach meiner Jarman-Erleuchtung saßen Derek Jarman und Tilda Swinton am Berlinale-Tisch neben uns, der „Menu total“-Familie. 1986. Jarman und Swinton hatten den Silbernen Bären bekommen. Für „Caravaggio“. Schlingensief beauftragte mich, die beiden an unseren Tisch zu bitten. Ich konnte das für diesen Zweck ausreichende Englisch. Sie kamen, und es wurde eine wunderbare Freundschaft. – Ich erzähle dies in gebotener Kürze, weil ich das Lange, das zu „Caravaggio“ zu sagen wäre, nicht zu sagen brauche, da der Film, der nicht nur grandios bildhaft, sondern auch entschieden narrativ ist, ständig im Fernsehen zu sehen ist, zuletzt vor ein paar Wochen. Die DVD bietet jedoch leckere Extras: Tilda Swinton vorweg im Interview, auch Nigel Terry, ein Booklet mit einem akademisch abgesicherten Vortrag. Ja, Caravaggio, Maler der italienischen Renaissance, Auftragsarbeiter für die Kirche, nimmt als Modelle Stricher und Arbeitslose, einen schönen Kriminellen in der Blüte seiner Jugend, eine Hure (Tilda Swinton).

 

Letzte DVD der Kassette: „Wittgenstein“ (1992, Berlinale-Teddy). Jarman macht wahr, was Wittgenstein postuliert: „Arbeit an der Philosophie ist Arbeit an der eigenen Auffassung. Daran, wie man die Dinge sieht, und was man von ihnen verlangt“. - Sag ich ja die ganze Zeit. Wir sind auf der Seite der Wahrnehmung und Erfahrung und weit weg von Seziererei und Werkanalyse. Also bleiben wir locker und aktiv. Wir müssen nicht klüger sein als der grüne Marsmensch, aber wir können es werden, wenn wir einer werden. Oder so. Jedenfalls macht das Training Spaß, Wittgenstein war Fan von Krimis, Western, Musicals. Wieder erfreut die DVD mit einem Booklet-Bonus.

 

Die Jarman-Box liegt mir am Herzen, - nicht nur wegen Tilda Swinton.

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist nur in der filmzentrale erschienen

 

 

Derek Jarman-Box bei www.salzgeber.de , 2006, 32.90€ mit „The Angelique Conversation“ (einzeln 19.90€), „Caravaggio“ (einzeln 22.90€), „Wittgenstein“ (einzeln 19.90€) und reichem Bonusmaterial 

 

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