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Buchbesprechung

Manfred Hermes: "Deutschland hysterisieren"

 

Für die Turbulenz

Manfred Hermes hat ein Buch über Rainer Werner Fassbinder und "Berlin Alexanderplatz" geschrieben. Unser Rezensent ist hin und weg.

In diesem Buch passiert, was heutzutage selten passiert: Eine Welt entsteht rund um ein Kunstwerk. Mein Lesegefühl bei Manfred Hermes' "Deutschland hysterisieren" war die ganze Zeit von Erinnerungen an andere, lang zurückliegende, aber als luxuriös erinnerte Leseerfahrungen mit gewissen "Klassikern" grundiert: Deleuze über Proust, Barthes über Brecht, Adorno über Berg, Theweleit über Benn. Man fühlt sich ja als Leser besonders umsorgt, wenn ein Text ganz einem anderen folgt, mit diesem liebevoll umgeht, aber ihn nicht einfach anbetet und die eigene Intelligenz beleidigt.

Doch macht Hermes noch etwas mehr: Er folgt eben nicht zuerst einem Autor, sondern einem spezifischen Stoff, der bei ihm zwei Autoren gehört. Zwar steht die Fernsehserie "Berlin Alexanderplatz" im Mittelpunkt seiner Untersuchung, aber sie ist von Döblins "Berlin Alexanderplatz" schon deswegen nicht über die simple Unterscheidung von Vorlage und Bearbeitung abzutrennen, weil dies eben ein Text/Stoff ist, der schon ganz ohne Fassbinder verschiedene Zeitlichkeiten hat. Ausführlich werden wir in die verschiedenen historischen Stockwerke eingeführt. Wie vieles von Kafka ist BA - wie der Stoff, das Buch, die Fernsehserie hier abgekürzt heißt - eines dieser Werke, dessen soziale und politische Fantastik von der deutschen Geschichte nachträglich zur Prophetie gemacht wurde: "Vom Ende her gesehen", heißt es bei Hermes einmal über einen eingesprochenen medizinischen Text in einer Szene aus der 4. Folge, "muss dieser kalte Befund eines ärztlichen Blicks wie die Vorwegnahme seiner ,biopolitischen' Überbietung im deutschen Konzentrationslager wirken."

Auch sein Autor - Döblin, gesehen unter anderem auch durch seine scharfen Kritiker wie Sebald oder Adorno - hängt in Hermes' Darstellung eher wie eines von mehreren Gliedern an seinem Text, ohne als dessen souveräner Produzent über ihn zu verfügen. Im Gegenteil: Der empirische Döblin erscheint selber als zuweilen ähnlich problematisches Symptom Weimarer Geistesgeschichte wie seine Figuren. Fassbinder wiederum ist nicht einfach ein Bearbeiter, der fix in seiner Gegenwart sitzt, sondern die Größe seines Projekts liegt nicht zuletzt darin, dass er in einer Weise dessen historische Dimensionen als ein Gewirr subkutaner Vor- und Nachgeschichten entfaltet, die weder deren historische Wahrheiten noch seine eigene persönliche lebenslange Obsession für Franz Bieberkopf gegeneinander ausspielt. Hermes folgt all diesen Verästelungen in einer niemals gewalttätigen, doch angenehm zügig voranschreitenden, zusammenfassenden Sprache. Das Gefühl, auf der Höhe der Details geführt zu werden, mischt sich mit dem anderen, in hoher Geschwindigkeit groß dimensionierte Blöcke abzuschreiten.

Absolute Besonderheit
Dabei stellt Hermes, der sich erkennbar lange mit seinem Gegenstand beschäftigt hat, dennoch immer wieder fast erstaunt fest, wie in dem Komplex BA eigentlich alle Themen, alle Verfahren, alle Personen sozusagen "auf der Straße liegen", versteht er es, sich Ideen von allein ergeben zu lassen. Die ausführliche psychoanalytische Lektüre, die er dem Material widmet, geschieht nicht aus einer gläubigen Präferenz für diese Methode im Vergleich zu anderen, sondern weil beide Autorenprotagonisten - Fassbinder und Döblin - ständig mit den psychoanalytischen Hintergründen winken wie mit breiten Zaunpfählen, diesmal nicht nur im Stoff, sondern auch in ihren eigenen Biografien. So lesen sich dann auch andere Entscheidungen für Vergleiche, Analogien, Verfahren - Proust, Pasolini und die Methode der sogenannten freien indirekten Rede etc. - unangestrengt und naheliegend, obwohl sie in der von Hermes allerdings generalverrissenen deutschen Fassbinder-Rezeption bisher keine Rolle gespielt haben: Es hat eine angemessene für ihn nur in den USA gegeben.

Das alles führt aber zu der zentralen, wenn auch so nicht ausgesprochenen doppelten Frage, warum diese Serie so eine absolute Singularität geblieben ist, an der zugleich die andere hängt, wie sie überhaupt möglich war. Sie stellt für Hermes ja so etwas wie den Zenit einer Entwicklung dar - neuer deutscher Film, 68, und Fassbinder darin noch einmal als absolute Besonderheit. Diesen Platz kann die Serie dialektischerweise aber nur einnehmen, weil sie sich dann noch mal von der Entwicklung trennt, deren Höhepunkt sie ist: zu viele Unvereinbarkeiten zusammen. So strahlt das öffentlich rechtliche Fernsehen zum Beispiel die von Kritikern einmütig als unzugänglich und unansehnlich ("zu dunkel") verrissene Serie zur besten Sendezeit aus. An diesem absolut unwahrscheinlichen Kristallisationspunkt wird also alles Mögliche sichtbar, das vor und nach dieser Serie stattgefunden hat: Vor allem aber beginnt ja quasi mit ihr ein in Hermes' Augen bis heute nicht abgeschlossener Niedergang.

Von Kohls geistig-moralischer Wende und ihrer Komplettzerstörung einer Fernsehlandschaft, in der diese Serie entstehen konnte, über verschiedene Stadien fortschreitender Verblödung des nun zu Komik und Internationalismus verpflichteten und an beiden grandios scheiternden deutschen Films, die für Hermes auch mit der "Berliner Schule" keineswegs gestoppt ist: "Nostalgisierender Historismus, körperlose Optizität, bürokratische Sinnproduktion, frömmelnder Ästhetizismus, Vermeidung von Humor und Turbulenz" tragen in deren Filmen laut Hermes zu einer "Stimmung eleganter, vager Entfremdung und melancholischer Innigkeit" bei: "Schweigsamkeit, bedrückte Gesichter, eindringliche Blicke sind die vorherrschenden Ausdrucksweisen." Demgegenüber seien etwa Filme eines Lars von Trier trotz ihres "reaktionären Aromas" wenigstens nicht so "stinklangweilig" wie die deutschen.

Auch wenn diese und andere Urteile - Frieda Grafe war nun gerade keine unterwürfige Adornitin und hat in Deutschland eher strukturalistische, poststrukturalistische und surrealistische französische Traditionen bekannt gemacht - zuweilen zu pauschal daherkommen, tragen sie sehr stimmig zur Erzeugung des Gefühls bei, dass es sich bei BA tatsächlich um ein Energiezentrum, ein Ereignis und eine Ausnahmeerscheinung handelt, an der allgemein historische und film- und kunstgeschichtliche Linien sich kreuzen, wo ein Sog entsteht, den Hermes' Buch nicht nur auf der Ebene der Argumentation evoziert, sondern auch durch eine eindringlich unakademische Schreibweise freundlich bestimmter Verblüffungspolemik. Sie folgt den eigenen ästhetischen Prämissen, ist nämlich turbulent, unterhaltend und ganz unbürokratisch.

Diedrich Diederichsen

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz

 

 

Manfred Hermes: "Deutschland hysterisieren". b_books, Berlin 2011, 248 Seiten, 18 Euro

 

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