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Richard
Harris 1.10.1930 - 25.10.2002
Er war wohl das, was man so einen rebellischen Charakter
nennt. Richard Harris, am 1. Oktober 1930 im irischen Limerick geboren, spielte
sich am liebsten seinen Trotz aus dem Leib. Den hatte er sich redlich erworben
im Jesuiten College und bewahrt in der Londoner Academy of Music and Dramatic
Art. Er stand auf Kriegsfuß mit den Ordnungen; es schien, als sei Richard
Harris zugleich ein Brite geworden und einer, der das Englische an sich und
überhaupt hasst. Deshalb pflegte er die Kunst, aus der Rolle zu fallen,
kippte vom Snobismus in die Pöbelei, war auf der Suche nach Dingen, die
nicht zu finden waren. So einer brauchte schon eine Bahamas-Insel, um seinen
Frieden zu finden. Und natürlich das Kino. Je älter er wurde, desto
persönlicher wurden dieser Zorn und dieser Trotz, und desto weniger konnten
sie zu etwas Glücklichem führen. Seine zornigen alten Männer,
zerfurcht und einsam, finden keinen geeigneten Text für ihre Tragödie,
und seine alten Herrscher (von Robin
und Marian über Camelot
bis zu Harry
Potter) sind schon nicht mehr
ganz von dieser Welt. Er ist der König Artus der populären Mythologie.
Er sucht den Traum, der sein Reich vor dem Zerfall retten soll, und er findet
nur den Kampf.
Die Schauspielkarriere von Richard Harris begann
1956 in Joan Littlewood's Theatre Workshop in London; in "The Diary of
a Madman" hatte er seinen ersten Erfolg. 1958 gab er in Leben
ist der beste Stoff sein Film-Debüt.
Mit Lindsay Andersons Lockender Lorbeer wurde er 1963 bekannt; Teil der Cockney-Rebellion
des englischen Films. Dann kam die internationale Karriere. Meistens war er
da der Mann für die Aktion neben den ganz großen Stars wie Gregory
Peck in Die Kanonen von Navarone oder Marlon Brando in der Meuterei
auf der Bounty oder neben Kirk Douglas
in Kennwort "Schweres Wasser". Es war die Körperlichkeit, die in so merkwürdigem
Kontrast zur Grübelei und zur Noblesse stand, was ihn für Rollen prädestinierte,
die sich an mythischen Vorgaben reiben. Einen Film mit Richard Harris kann man
nicht als vollständig trivial empfinden.
Im Western stand Harris immer in einem zornigen Kampf
mit der Natur und mit seinem Stolz. In Der
Mann, den sie Pferd nannten, dem
großartigen Entwurf von Elliott Silverstein und zwei nicht weiter störenden
Sequels, gibt er den Mann zwischen den Zivilisationen und Kulturen. Das Schlüsselbild
ist eine Art der größten Krise und der Wiederauferstehung des Männerkörpers
in der Qual. In Clint Eastwoods Unforgiven, als English Bob, spielt er die schönste und
genaueste Korruption und Karikatur dieses Typs eines gestrandeten Kolonialisten,
die gespenstischste Figur in diesem Gespensterwestern: "Was mir an Harris
so gefällt", sagt Eastwood, "ist, wie er seiner Rolle etwas Bedrohliches
verleihen kann und auf der anderen Seite aber diesen vornehmen Engländer
mimt, der affektiert und hochgestochen daherredet - bis sie ihn aus der Stadt
werfen, da fängt er dann an, auf Cockney zu schimpfen."
Was ist Schale, was ist Kern? Das ist die gute Frage,
die sich in allen Richard-Harris-Filmen stellt. Es gab immer auch den anderen
Richard Harris, einen unbeholfenen Mann, dessen Körper nicht explodierte,
sondern in sich zusammensank. Der kam etwa in Michelangelo Antonionis Rote Wüste vor,
und immer, wenn man den Film wieder sieht, kämpft man mit der Empfindung,
da sei einer, mit den kräftigen Schritten und den gesenkten Schultern,
in einem falschen Film. Aber nein: Er ist nur in der falschen Welt. Er weiß
zwar, wessen Gegenteil er darstellt, aber noch lange nicht, wer er ist.
"Mein Problem ist, dass ich mich meinen Leidenschaften
bis zur Verzehrung hingeben kann. Ich hasse den Schlaf, er stiehlt mir meine
kostbare Zeit auf dieser Erde. Ich bin ein Nachtmensch, ruhe- und rastlos. Ich
liebe die Nacht und ihre Intrigen. Ich vermute, dass ich meine Nachtschwärmereien
in den letzten Jahren nur deshalb gedrosselt habe, weil ich befürchtete,
dass mich eines Tages jemand auf der Straße anhalten würde, um zu
fragen: 'Hey, waren Sie nicht Richard Harris?'" Richard Harris gewesen
zu sein, war die Mühe wert.
Georg Seeßlen
Dieser
Text ist zuerst erschienen in: epd Film am: 02.12.2002
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