zur startseite

zum archiv

zu den essays

Gay Shorts

Eine DVD von den fünfen, mit denen Salzgeber 20 Gay Shorts versammelt hat, ist dem genialen Bavo Defurne gewidmet. Ein ganz Großer, wenn auch knappe 35 Jahre alt. „Matrosen“, „Grade jetzt im Frühling“, „Das Lagerfeuer“, „Der Heilige“ werden mit schwullesbischen Preisen überhäuft. Jaja, schwuler Kult. Aber man sollte sich nicht ausgrenzen lassen. Umgekehrt gibt es immerhin keine Hetero Shorts. Klar, dass Salzgeber sich an die Gemeinde wendet. Das geht in Ordnung. Bloß ist jeder schön dumm, der sich ausgrenzen ließe, weil er denkt, dass die Versammlung geschlossen ist. Die Filme des Belgiers Defurne haben die Qualitäten eines Werner Schroeters der siebziger Jahre, eines Matthias Müller von heute, und keiner käme auf die Idee, die Filme dieser Regisseure mit gay zu etikettieren. Defurne hat bei Matthias Müller mitgewirkt, auch bei Peter Greenaway („Das Wunder von Macon“), und wenn man jetzt seine traumhaft schönen, ideal überhöhten und immer präzisen Einstellungen ansieht, dann denkt man an große Fotografen, an die bildende Kunst, an René Magritte (Defurne restauriert gerade neu aufgefundene 8mm-Filme von ihm).

 

Hab ich genug geschwärmt? Ich steh dazu. – Im Paket sind aber noch vier andere DVDs mit insgesamt 380 Minuten. Auf der zweiten DVD („Kostbare Augenblicke“) haben mir die Filme von Frank Mosvold imponiert, „Wellen“ vor allem. Sparsam im Dialog, aussagekräftig im Bild wird sensibel ausgetestet, wie sich Jungs zu einander verhalten, unklar ihrer (ersten) Gefühle. Filmhochschulen, auch die in Norwegen, sind sehr zu etwas nütze, wenn sie solche Kunstwerke zustandebringen (und nicht Mainstreamtauglichkeit trainieren). – Aber zurück aus der Polemik. Wir sind in eher träumerischer und empfänglicher Stimmung, auch lustig darf es ein. Jedenfalls in der Filmanekdote von François Ozon auf der DVD „Erstes Mal“. Ozons Film erzählt menschennah – aber wir kennen seine Spielfilme „8 Frauen“, „Swimming Pool“ -, die kurze Geschichte vom Jungen, den sich ein Mädchen nimmt, das ihn befreit – freilich nicht zu dem, was wir erwarten.

 

Nochmal Ozon auf der DVD „Söhne“ mit „Der kleine Tod“ zusammen mit dem langen Spielfilm „Ein Sohn“ der Regisseurin Amal Bedjaoui, Festspielqualität ersten Ranges (Venedig). L’Humanité urteilte: „Ein gewaltiges dichtes, brutales Werk – und doch voller Zärtlichkeit“. Den Film werde ich so schnell nicht loswerden.

 

Auf der fünften DVD dann die „Jungs von nebenan“. Wieder ist es ein norwegischer Film, der sich mir eingebrannt hat: „Stille Landschaft“ von Rahman Milani. In der Provinz erste Teenagerliebe, ein Iraner, ein Norweger, eine intolerante Familie und intolerante Mitschüler. Es hätte ein Betroffenenfilm werden können, aber er macht es sich nicht bequem. Große Gefühle in schweigenden Totalen. Kommentarlos. Kaum Dialog. Die Bilder sind es, die Wucht haben – und den Film offen lassen. Also kann „Stille Landschaft“ mich ergreifen, und er hats getan.  

 

Dietrich Kuhlbrodt

 

Dieser Text ist nur in der filmzentrale erschienen

 

Gay Shorts

21 Kurzfilme mit Extras,

bei: Edition Salzgeber

www.gayclassics.de

Extras: Hintergrundinformationen, Making Of, Trailer, Vorschau  

Jahr: 2006 - FSK: 16 - Untertitel: deutsch & (teils) englisch (ausblendbar) - Sprache: Originalfassungen - Länge: 380 min - Sound: Dolby Digital - Formate: 4:3 - Formate: 16:9 - Euro 39.90 

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays