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Fahr zur Hölle, Berliner Schule!

 

Streit kann nerven, kann aber auch fruchtbar sein. Ohne Streit und Streitkultur ist Filmkritik nicht denkbar. Wir freuen uns über einen sehr streitbaren, einen notwendigen Streit intensivierenden Gastbeitrag von Dietrich Brüggemann. Brüggemann, für die wenigen, die es nicht wissen, ist selbst Berliner Filmregisseur, aber auch ein spannender Autor filmkritischer Texte, nicht zuletzt für das leider eingestellte Magazin »Schnitt«. Wir freuen uns über seinen Text und werden die Debatte an dieser Stelle bestimmt fortführen. (Rüdiger Suchsland, www.artechock.de)

Gekünstelte Dialoge. Reglose Gesichter. Ausführliche Rückenansichten von Leuten. Zäh zerdehnte Zeit. Willkommen in der Welt des künstlerisch hochwertigen Kinos, willkommen in einer Welt aus quälender Langeweile und bohrender Pein. Muss man das eigentlich einfach so über sich ergehen lassen und fraglos akzeptieren, dass es anscheinend anders nicht geht?

Ich liebe das Kino in wirklich zahlreichen Facetten, aber lasse mich ungern verarschen. Wir hatten in Deutschland schon mal eine Zeit, in der Autorenfilmer ihr Publikum erst gequält und dann verjagt haben, danach kam eine Zeit, in der es nur bodenlosen Unterhaltungsmüll gab, und jetzt? Hurra, jetzt haben wir beides gleichzeitig. Als ich also gestern Thomas Arslans "Gold" absaß und mein Geist so unterbeschäftigt war, dass ich permanent gegen den Drang ankämpfen musste, niveaulose Zwischenrufe zu machen, hatte ich auf einmal einfach keine Lust mehr. Dass der Schweiger-Schweighöfer-Schrott Schrott ist, auch wenn Millionen Fliegen sich nicht irren können, das ist allgemeiner Konsens, dazu muss ich mich nicht auch noch äußern, aber wieso beschwert sich eigentlich niemand mal über die sogenannte Berliner Schule? Wieso sitzen da alle drin wie Schafe und sagen hinterher: Na ja, ich wusste ja, was mich erwartet? Kann mir bitte mal einer erklären, was daran toll ist, wenn hölzerne Schauspieler hölzerne Dialoge hölzern aufsagen, das ganze in 80er-Jahre-Fernsehfilm-Ästhetik? Gelegentlich kommt eine Abblende, und man freut sich auf die Werbung, aber dann geht das gestelzte Elend weiter. Wenn ein Film mir zwei Stunden lang den Rücken zukehrt? Wenn Nina Hoss, die bestimmt eine wunderbare Schauspielerin ist, fünf Filme lang herumlaufen muss wie ein abgeschalteter Roboter? Wenn ich mit keiner Frage, keinem Gefühl, keiner neuen Erkenntnis, keinem Dilemma aus dem Kino komme, sondern nur mit der Ahnung, dem Tod mal wieder zwei Stunden nähergerückt zu sein, und dem dringenden Impuls, mich irgendwo zu betrinken?

Was sind das für Regisseure, die die ganze Filmgeschichte gefressen haben, sich einen prätentiösen Titel nach dem anderen ausdenken, aber nicht in der Lage sind, ein einziges echtes Gefühl auszulösen? Geschweige denn irgendwie glaubhaft von der Liebe zu erzählen? Wo genau liegt eigentlich die künstlerische Individualität, wenn hundert Filme alle gleich aussehen? Und was ist das überhaupt für eine dämliche Kultur, in der man diese Simulation von Kino gut finden muss, weil es ansonsten ja nur noch den grässlichen Mainstream gibt? Die Leute, die kluge Unterhaltung konnten, die haben wir ja vor 80 Jahren alle rausgeschmissen, und aus ihren Arbeiten besteht die interessanteste Sektion dieser Berlinale [gemeint ist die Retrospektive: »The Weimar Touch«]. Aber sind inzwischen keine nachgewachsen? Oder konnten sie sich nicht entfalten und haben irgendwann frustriert aufgehört, weil in Deutschland ja alles entweder todernst und tonnenschwer sein muss oder halt vor lauter Dämlichkeit stinken? Und weil sowieso niemand als Eremit Filme macht, sondern es eine Kultur braucht, in der man aufwächst?

Fahr gefälligst zur Hölle, Berliner Schule, auch wenn das Feuilleton dir weiterhin zu Füßen liegt. Und weil das bürgerliche Publikum auf Autoritäten hört, meinen dann ab und zu auch einige Leute, sie hätten was Gutes gesehen, aber noch viel mehr hört das Publikum in der Summe auf sein Herz (durchaus auch auf millionenschwere PR-Kampagnen und am Ende doch auf sein Herz), und davon habe ich bei euch noch selten oder nie etwas gesehen. Von anderen Organen ganz zu schweigen. Es gibt nur den Kopf, der ist riesengroß, hat alles gesehen und nichts verstanden, und auch der läuft nur auf einer Gehirnhälfte. Seit 15 oder wieviel Jahren schaue ich mir das an, und ich will einfach nicht mehr. Fahr zur Hölle, Berliner-Schule-Berlinale-Wettbewerbs-Kino, fahr endlich in den Abgrund, ruhe in Frieden und mach Platz für was Neues.

Anmerkung:
Ein kleiner Hassmonolog in diese Richtung war anscheinend mal fällig. Bevor jetzt aber das ausbricht, was Politiker immer als »Pogromstimmung« bezeichnen, möchte ich ein bisschen diversifizieren. Oder noch in ein paar mehr Richtungen austeilen. Ich will nämlich nicht am Ende noch Applaus bekommen von irgendwelchen entmenschten Münchner Großproduzenten, die alles eliminieren wollen, was sie nicht kapieren.

Es wird gefragt: Kann man das so alles über einen Kamm scheren? Na klar kann man. Ich fand "Die innere Sicherheit" toll, ich verehre "Der Wald vor lauter Bäumen", ich fand "Sie haben Knut" grandios, und "Der Räuber" von Benjamin Heisenberg war auch ein umwerfender Film (auch wenn er das mit der Liebe genausowenig hingekriegt hat wie alle anderen) (Filme). Ist das dann überhaupt noch Berliner Schule? Mir doch egal. Und solche persönlichen Geschmacksdinger sind letzten Endes auch egal. Es geht um eine Kultur, die zu einer Monokultur geworden ist. Und zwar nicht nur bei uns.

Jedes europäische Land produziert einerseits fürchterlich spaßbefreite Kunstfilme und andererseits wahnsinnig plattes Unterhaltungskino. Dazwischen gibt es dann noch so wohlmeinendes Wellness-Arthouse für Brigitte-Leserinnen, denen man öfter mal mitteilen muss, dass das Leben bezaubernd ist. Und das ist alles gleichermaßen beschissen. Es sei denn, es ist zur Abwechslung mal gut, und das ist es selten, denn all diese Filme entstehen und laufen im Rahmen eines Systems, das nur das Format sieht und für Qualität völlig blind ist.

Aber was wollen Sie denn dann, Herr Brüggemann, wenn Sie all das nicht wollen? Ganz einfach. Ich will nicht, dass das Kunstkino aufhört. Ich will, dass es besser wird. Es ist völlig legitim, dass es innerhalb einer Kunstform einen Zweig gibt, der sich nur an die Eingeweihten richtet. Dass es Filme gibt, die nur von Leuten geguckt werden, die sich selber professionell mit Film befassen. Es gibt für diese Filme nur eine einzige Regel: Sie sollen bitte etwas machen, das noch kein anderer gemacht hat. Sie sollen bitte ihr eigenes Rad erfinden und daran drehen. Ein solcher Filmemacher, den ich beispielsweise auf Knien verehre, ist der Schwede Roy Andersson, den hierzulande bezeichnenderweise wieder keine Sau kennt. Solche Filme laufen, wenn überhaupt, dann in Cannes. In Berlin allenfalls mal aus Versehen.

Denn was das Kunstkino dann doch noch vom Mainstream unterscheidet: Mainstream darf formatiert sein. Es ist okay, wenn die Filme sich hier ähneln. Auch das kuschelige Pseudo-Arthouse, ohnehin das grässlichste aller Genres, darf meinetwegen gern formatiert sein. Aber in den Wettbewerben der großen Festivals erwarte ich mehr. Dieses Segment, die Speerspitze unserer Kunst, hat seine Existenzberechtigung komplett verloren, wenn es zum Genre verkommt. Wenn es reicht, mit einem Film ein paar Klischees zu bedienen, um als »Kunst« durchgereicht zu werden. Entsprechend wütend werde ich, wenn ich mir von Jahr zu Jahr anschauen muss, wie genau das passiert. Wie man jedes Jahr einen Film nach dem anderen anschaut und sich fragt: Waren das wirklich die besten Filme dieses Jahrgangs? Oder haben sie die besseren abgelehnt? Die, die in kein Raster passten? Die mit einer eigenen, individuellen Stimme sprechen? Über die Jahre kriegt man dann mit: Letzteres ist der Fall. Es gibt sie, die wahnsinnigen, genialischen Filme, die große Aufmerksamkeit verdient hätten, selbst wenn sie nicht rund und perfekt sind. Hier ein paar Worte von Rüdiger Suchsland über einen dieser Filme, der in Oberhausen lief und dann nirgends mehr: »Wie das im Kino konkret aussehen könnte, zeigte der beste und ungewöhnlichste Film im deutschen Wettbewerb: Die Finanzen des Großherzogs Radikant Film des Berliner Filmstudenten Max Linz unterschied sich radikal von dem übrigen Dutzend mehr oder weniger braver Studentenfilme? Die Antwort eines jungen Filmemachers auf eine Situation, in der die Regie eines „Tatorts“«als höchstes Glück gilt und junge Talente vor der Wahl stehen, entweder die rebellischen Gesten der Alten nachzuahmen oder beim allgemeinen Verblödungsbetrieb mitzumachen: In Deutschland werden die dümmsten Ideen mit dem größten Aufwand betrieben.
Mit einer Chuzpe, die man sich von vielen Filmen wünschte, gelingt Linz eine erfrischend arrogante Farce zur geistigen Situation der Bundesrepublik, ein Spiel mit Versatzstücken, das ganz offen die Nouvelle Vague und den Neuen Deutschen Film zitiert. Manchmal nervtötend und etwas langatmig, erinnert der Film in seinen besten Momenten an den Godard der späten sechziger Jahre. So darf man nach herrschender Meinung heute keine Filme mehr drehen, aber genau darum muss man sie machen. In diesem Kurz-Epos über den Stand der Dinge im filmisch-industriellen Komplex ist das Kino einmal das, was es öfters sein sollte und zurzeit viel zu wenig, in Oberhausen aber immer wieder ist: eine intellektuelle Herausforderung, ein Rätsel, das nur durch Wissen zu entschlüsseln ist
.« (Rüdiger Suchsland, 12.05.2011)

Stattdessen sieht man an den Filmhochschulen und in den Nachwuchssektionen der Festivals hunderte von Langweilern, die gern Christian Petzold wären.
Wird sich in den Köpfen der Verantwortlichen von selber etwas ändern? Nicht, solange niemand an die Tür hämmert und laut schreit. Und sowas passiert tendenziell nur als Gruppenaktivität. Die Leute, die den wirklich spannenden Kram machen, neigen nun leider nicht dazu, sich zu irgendwelchen »Schulen« zusammenzuschließen, weil sie nämlich jeweils ihren eigenen Kopf haben. Aus demselben Grund kommt auch kein Journalist auf die Idee, da eine »Bewegung« herbeizuschreiben. Daher haben sie keine Lobby und gehen irgendwann frustriert zugrunde oder ins Fernsehen. Dabei gibt es sie, die Leute, die hierzulande in der Lage sind, aufregendes, böses, prächtiges, unverschämtes Kino herzustellen. Einige rotten sich gerade in meinem Freundeskreis zusammen, vielleicht schreiben wir demnächst ein Manifest oder nageln ein paar Thesen irgendwohin. Vielleicht ist dieser Text auch schon unser Gründungsmanifest.

Ende der Durchsage.

Dietrich Brüggemann

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: www.artechock.de  Regie-Kollege Franz Müller schrieb bald darauf eine Erwiderung im Blog der Zeitschrift Revolver, nachzulesen auch in der Filmzentrale, nämlich hier

Eine zweite Replik folgte ein Vierteljahr später, am 17.5.2013: 3 Zimmer/Küche/Bad (Kritik von E. Knörer)

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