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Fernsehgesichter - Zum 80. Geburtstag von Rainer Erler

 


Seit einigen Jahren spricht man mit großer Selbstverständlichkeit von der Konvergenz von Kino und Fernsehen. Der US-Bezahlsender HBO produziert so genanntes Qualitätsfernsehen und die Bezeichnung "Fernsehstar" hat längst keinen abschätzigen Beiklang mehr. In den siebziger Jahren war das, nicht nur in Westdeutschland, anders. Da trennten die beiden Sphären in ästhetischer wie ideologischer Hinsicht Welten. Wer fürs Kino arbeitete, hatte einen gewissen Status erlangt: als gefeierter Autor oder wenigstens als erfolgreicher Schmuddelfilmer. Wer dagegen beim Fernsehen beschäftigt war, war entweder zu blöd (um gute Filme zu machen oder sich anständig zu verkaufen) oder Dokumentarfilmer. Die Regisseure, die in der Grauzone dazwischen operierten, ließen sich an einer Hand abzählen; ihre Namen sind heute hinlänglich bekannt. Die Durchlässigkeit zwischen diesen Diskursräumen war gering. 40 Jahre später nennen renommierte Regisseure wie Martin Scorsese und Steven Soderbergh, in Deutschland Dominik Graf, das Fernsehen die letzte Bastion komplexer Erzählformen.

Als Heranwachsender hatte man Anfang der achtziger Jahre keine Vorstellung von der Misere des deutschen Fernsehens. Nur eine vage Ahnung davon, dass die triste westdeutsche Ästhetik immer eine Spur zu klein gedacht war und damit gerade groß genug für die Vorstellungskraft eines nicht mal Zehnjährigen. Etwa in diese Zeit fiel eine formative Fernseherfahrung, die das persönliche Bild des deutschen Films nachhaltig prägen sollte - ohne dass man sich von dieser Andersartigkeit schon einen genauen Begriff machen konnte. Im ZDF lief damals zur Hauptsendezeit ein Science-Fiction-Film, ohne Laserschwerter und Außerirdische. Ein Thriller, der die Anforderung von 'Action' durch akute erzählerische Verschleppungen auf frappierende Weise unterlief. Und der, am verstörendsten, Gesichter zeigte, die - aus anderen Zusammenhängen vertraut - sich in diese neuartige, irgendwie unerklärliche Erzählung verirrt zu haben schienen. Fernsehgesichter.

Der böse Baron, der dem jungen Timm Thaler sein Lachen gestohlen hatte (Horst Frank). Der Privatdetektv Matula (Claus Theo Gärtner) aus "Ein Fall für zwei". Und der Uwe aus der Sesamstraße (Uwe Friedrichsen), den man aus gelegentlichen Fernsehabenden mit den Eltern auch als Zollfahnder Zaluskowski ("Schwarz-Rot-Gold") kannte. "Operation Ganymed" (1977), so der Titel des Films, war anders als alles, was bis dahin an Science-Fiction im Fernsehen zu sehen gewesen war. Der Film handelte von einer gescheiterten Weltraum-Mission, deren Teilnehmer nach vier Jahren auf die Erde zurückkehren. Durch eine ungeplante Kursänderung stranden sie fern der Zivilisation in der mexikanischen Wüste in der Annahme, die Menschheit sei nach einem Atomkrieg ausgelöscht. Irre war das. Im Laufe der Jahre, in denen die Erinnerungen an diesen Moment wieder verblassten, erlangten die Bilder eine mythische Qualität.

Es sollte Jahre dauern, bis ich diese Erfahrung erstmals mit dem Namen Rainer Erler in Verbindung brachte. Damals klang der Begriff Autorenfilmer neu und aufregend. Erler war ein Autorenfilmer im klassischen Sinn, bei den meisten seiner Filme trat er als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent in Erscheinung. Wohl ein Grund, warum "Operation Ganymed" im provinziellen Sumpf des westdeutschen Fernsehens einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen hatte. Erler allerdings war auch ein Autorenfilmer des deutschen Fernsehens. Dieser Widerspruch, so sollte ich nochmals viele Jahre später lernen, war eigentlich unauflöslich. Dem deutschen Fernsehen hat immer der Ruch des Unsinnlichen angehaftet. Wenn es seriös wurde, hielten ältere Herren mit Föhnfrisuren, getönten Brillen und steifen Mänteln ein Stabmikrofon in der Hand und sprachen in pastoralem Ton von politischen Wirrungen. So wie Walter Kohut als Reporter in Erlers "Die Delegation" (1970).

Nur dass Erler das Fernsehen schon damals in eine Form von Kino überführen wollte, gewissermaßen als ernst gemeinte Fernsehparodie. Kohut berichtet in "Die Delegation" aus der Vergangenheit über eine mögliche Ufo-Invasion. Was da spricht, sind alte Fernsehaufnahmen, das Medium performt sich also in einer grotesken Doppelung selbst. Fernsehen imitiert Kino imitiert Fernsehen. Ähnlich arbeitete Erler später in "Plutonium" (1978), seinem neben dem Organhandel-Thriller "Fleisch" (1979) berühmtesten Film: ein Pastiche aus Nachrichten, Interviews, Fernsehbeiträgen und gestellten Dokumentaraufnahmen. Jedoch nicht mehr, wie in "Die Delegation", als Mockumentary, also gefakte Dokumentation, sondern im Stil eines knallharten Politthrillers. So was kannte man damals aus Hollywood oder vielleicht noch von Costa-Gavras. Acht Jahre liegen zwischen "Die Delegation" und "Plutonium". Für Erler waren es prägende Jahre.

"So intelligent wie möglich, so trivial wie nötig." So wird Rainer Erler, der am 26. August seinen 80. Geburtstag feiert, in der schönen Monografie "Kein letztes Wort" von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen zitiert, die gerade erschienen ist. Erler führt damit zwei Dispositive zusammen, die lange als gegensätzlich galten: das staatstragende, auf Seriosität bedachte Fernsehen und das Unterhaltungsmedium Kino. Erler wollte die Emotion und die Botschaft. "Das menschliche Handeln", so schreiben Aurich und Jacobsen in ihrem erbaulichen, klaren Stil, "ist bei Erler stets die maßgebliche Dominante." Dennoch sind seine Filme von der Skepsis getragen, dass der Mensch die ihm überantworteten Freiheiten missbrauchen könne. Was er auch tut. Korruption, Neid, Hass, Gier, Ausbeutung, diese Themen ziehen sich durch Erlers durchaus satirisch gemeinten Filme. Die Utopie schlägt in eine Dystopie um.

Typisch deutsch, möchte man meinen, aber das war Erler eben nicht. Er drehte in der ganzen Welt, seine Komplotte waren nicht nur groß gedacht, sie besaßen tatsächlich eine globale Dimension, wie der Kreislauf des Kapitalismus. Darin lag das Besondere, der Grund, warum man Rainer Erler nicht genug wertschätzen kann: Er hat als erster Filmemacher aus Deutschland (vierzig Jahre immerhin vor Scorsese und Soderbergh) das Fernsehen als Chance begriffen, nicht als Begrenzung. Das hieß auch, das Beste aus all den Fernsehgesichtern herauszuholen. Robert Atzorn und Götz George in "Das schöne Ende dieser Welt" (1983). Jutta Speidel und Herbert Herrmann in "Fleisch". Peter Fricke in der Miniserie "Das blaue Palais". Eigentlich undenkbar.

Erler hat sich diese Freiheiten von einem klaren Standpunkt aus genommen. Seine Filme beruhen auf eindeutigen Prämissen: auf inhaltlicher Ebene die Wissenschaften, auf formaler das Genre. "Science Thriller" hat er seine Arbeiten genannt, Wissenschaftskrimis, deren prozedualer Charakter sich in den beiden Komponenten der Erzählung spiegelte. Heute ist Erler, obwohl vielfach ausgezeichnet, zu Unrecht vergessen unter den deutschen Filmemachern wie Will Tremper, Roland Klick oder Klaus Lemke, die nachträglich zu Rettern der Genretradition ausgerufen wurden. Dabei ist Rainer Erler der größte deutsche Genrefilmer, den das Kino nicht hervorgebracht hat.

Andreas Busche

 

Kein letztes Wort. Die Filme von Rainer Erler Rolf Aurich/Wolfgang Jacobsen Edition Text und Kritik 2013, 109 S., 18 . Rainer Erler Kultfilme heißt eine DVD-Box mit sieben Filmen, die bei Euro Video 2005 erschienen ist (28,99 Euro). Ebenfalls auf DVD: Das blaue Palais (Folge 1-5)

 

 

 

Dieser Text ist zuerst erschienen in: der freitag

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