zur startseite

zum archiv

zu den essays

Die Burstyn-Methode

Zum 75. Geburtstag der amerikanischen Schauspielerin Ellen Burstyn

 

Auch wegen solcher Szenen liest man gerne Star-Erinnerungen: Shelley Winters, ganz Diva, macht es sich im Sommer 1962 in ihrem Wohnzimmer gemütlich, während Ellen Burstyn in der Küche werkelt. „Sie hatte eine eigentümliche Art, uns zum Dinner einzuladen“, schreibt Burstyn in ihrer Autobiographie „Lessons in Becoming Myself“ süffisant über ihre Kollegin. Über den Bildschirm flimmert ein Fernsehfilm mit Burstyn. Winters kritisiert die zehn Jahre jüngere Schauspielerin, sie wirke in der Rolle wie ein unbeschriebenes Blatt – als habe sie nichts erlebt. „Du brauchst Ohrlöcher, einen tieferen Ausschnitt und Unterricht bei Lee Strasberg“, bemerkt sie.

 

Zwei Jahre später nimmt Burstyn tatsächlich an einem Kurs des legendären Gründers des Actor’s Studio teil. Sie verbringt noch weitere Galeerenjahre am Off-Broadway und in Fernsehstudios, bis sie sich Anfang der 70er zu einer der erfolgreichsten Vertreterinnen der Strasberg-Schule auf der Leinwand mausert. Sie dreht mit Peter Bogdanovich, Martin Scorsese und Bob Rafelson, ist an der Seite von Jack Nicholson oder Max von Sydow zu erleben. Nach einem Karriereknick in den 80ern und 90ern ist die Charakterdarstellerin im neuen Jahrtausend wieder überaus gefragt, dank ihres Einsatzes für Independent-Produktionen: „Ich spüre eine Passion bei jungen Filmemachern, worüber ich mich freue, denn das bedeutet auch, dass es wieder Rollen für mich gibt“, sagt Ellen Burstyn, die am 7. Dezember 75 Jahre alt geworden ist.

 

Ihre frühen Jahre waren eine Zeit der Metamorphosen. Als Schulmädchen Edna Rae Gillooly in Detroit geboren, tanzte unter dem Namen Keri Flynn in einem Nachtclub in Montreal, wurde als Erica Dean in einer TV-Sketchshow präsentiert und nannte sich Edna McRae, als sie 1957 am Broadway debütierte. Kein Geringerer als Vincente Minnelli führte Regie in „Goodbye Charlie“, der 1964 bei MGM produziert wurde, aber als elegant ausstaffierte Nebendarstellerin fühlte sich Burstyn so unwohl, dass sie sich vom Glamour zurückzog, mit Strasberg trainierte und sich zunächst auf Theaterrollen beschränkte. Nach Kalifornien kehrte sie erst zurück, als Regisseure wie Arthur Penn oder Mike Nichols das Zeitalter des „New Hollywood“ eingeläutet hatten.

 

Beim Casting für „Die letzte Vorstellung“ (1971) beeindruckte Burstyn den Regisseur Peter Bogdanovich derart, dass er sie gleich drei reifere Frauenrollen lesen ließ und ihr dann carte blanche gab: „Sie besetzte sich selbst“, sagte Bogdanovich, dessen Ensemblefilm über desillusionierte Bewohner eines staubigen Nests in Texas ein melancholischer Meilenstein des Kinos geblieben ist. Burstyn suchte sich die Rolle der gelangweilten Ölfabrikantengattin aus, die sich anfangs hinter Sonnenbrille und Schnoddrigkeit verschanzt. Szene für Szene schält die Darstellerin die Trauer und Frustration ihrer Figur heraus. Und sie zeigt, warum der Versuch, das Leben ihrer Film-Tochter in glücklichere Bahnen zu lenken, zum Scheitern verurteilt ist. Burstyn hat auch danach immer wieder Mütter verkörpert, in allen möglichen Varianten von dominant bis hilflos. Darunter die missachtete Stiefmutter in „Der König von Marvin Gardens“ (1972), die kindische Alte in „Die göttlichen Geheimnisse der Ya-Ya-Schwestern“ (2002) und die Schwiegersöhne opfernde Hohepriesterin in „The Wicker Man“ (2006). Die Beziehung zur eigenen Mutter beschreibt Burstyn als problematisch, von Ablehnung und engstirnigem Katholizismus belastet und zeichnet in ihren Lebenserinnerungen auch die Suche nach dem richtigen spirituellen Weg nach, der sie schließlich zum Sufismus führte, einem mystischen System des Islam. Ihr Herzensfilm „Der starke Wille“ (1980, Regie: Daniel Petrie) versuchte – mit reichlich spekulativen Mitteln – die Annahme zu stützen, Handauflegen könne Schwerkranke heilen. Burstyn wurde für ihre Darstellung eines modernen weiblichen Messias für den Academy Award nominiert, aber die Universal versagte dem Film werbekräftige Unterstützung, setzte auf „Nashville Lady“ mit Sissy Spacek, die dann den Oscar gewann. Zwei Kassenflops später gab eine frustrierte Burstyn dem „Hollywood Reporter“ ein Interview, das als Rückzug von der Filmkarriere missverstanden wurde. „Ich habe mich damit selbst aus dem Filmgeschäft katapultiert“, erklärte sie später.

 

Während ihrer Leinwandpause konzentriert sie sich auf die Ausbildung des Nachwuchses im Actor's Studio und nimmt die Wahl zur ersten weiblichen Präsidentschaft der Schauspielerunion an. Nach Lee Strasbergs Tod 1982 wird sie zusätzlich künstlerische Leiterin des Actor’s Studio, neben Al Pacino, und arbeitet für drei Jahre parallel in beiden Ehrenämtern. Der Name Strasberg war Verpflichtung. Burstyn hat voller Bewunderung über ihren Mentor gesprochen, der Stanislawskis Schauspiellehre in den 30ern auf amerikanische Verhältnisse übertrug. „Der Begriff ‚Method Acting’ wird oft missverstanden“ erklärte Burstyn 1994 in einer Talkshow, „Die Leute kopieren Marlon Brando, zerreißen ihre T-Shirts und alle glauben: Aha, das ist „Die Methode“. In Wahrheit steht dahinter ein Übungssystem, das hilft, mit einer Figur in Verbindung zu treten, damit ihr der Schauspieler Leben einhauchen kann.“ Strasberg forderte von seinen Schülern eine gründliche Selbstanalyse, bevor sie ein Rollenstudium aufnahmen. Burstyn erläutert: „Du kannst deine Persönlichkeit nicht in Richtung des Charakters verschieben, ohne dich selbst gefunden zu haben. Wer sich vor sich selbst versteckt, hat keine Chance auf einen kreativen Impuls.“

 

Strasbergs „Methode“ zielte zuallererst auf innere, emotionale Prozesse und wird häufig mit der Bereitschaft von Schauspielern wie Robert de Niro gleichgesetzt, sich Pfunde anzufuttern oder anderen körperlichen Strapazen auszusetzen. Während der Dreharbeiten des Schockers „Der Exorzist“ (1973) hatte Regie-Berserker William Friedkin keine Skrupel, die Kamera nach einem heftigen Sturz Ellen Burstyns auch dann weiterlaufen zu lassen, als die Schauspielerin wirklich vor Schmerzen schrie. Missbrauch von Schauspielern, auch deren eigene Selbstausbeutung, hat freilich wenig mit Method Acting zu tun. Dennoch beschränkten sich Burstyns Leistungen in jenem Spektakel um ein vom Teufel besessenes Mädchen keineswegs darin, dass sie sich aufs wackelnde Kinderbett warf oder von dämonischen Kräften durch die Luft geschleudert wurde. Sie adelte das Machwerk durch ihr ausdrucksstarkes Portrait einer Mutter, die mit außerordentlichen Ereignissen fertig werden muss und daran zu zerbrechen droht.

 

Zu den befremdlichen Passagen ihrer Autobiographie gehört eine Reihe von Spekulationen, die „merkwürdige Todesfälle“ während des „Exorzisten“-Drehs betreffen sowie Burstyns Überzeugung, dass sowohl Satan als auch teuflische Besessenheit existiere – unter Rückgriff auf einen manichäischen Dualismus, der in den USA immer noch en vogue ist. An die Möglichkeit, dass angeblich besessene Personen auch an Epilepsie oder anderen neurologischen Störungen erkrankt sein könnten, verschwendet Burstyn keinen Gedanken. Das ist umso merkwürdiger, als die Schauspielerin selbst zehn Jahre lang von ihrem psychisch kranken Ex-Mann Neil Burstyn verfolgt und bedroht wurde – ohne seine Erkrankung je mit teuflischen Mächten in Zusammenhang zu bringen. Ihr dritter Ehemann – sie heiratete nach der Scheidung nicht mehr – nahm sich 1978 das Leben.

 

Zu ihren schönsten Filmen zählt das Roadmovie „Alice lebt hier nicht mehr“, das Ellen Burstyn zu einer Art Leitfigur der Frauenbewegung werden ließ und das ihr 1974 den bislang einzigen Oscar einbrachte. Sie spielt eine beherzte Hausfrau aus New Mexico, die nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes mit ihrem Sohn ins Ungewisse aufbricht, um als Barsängerin ihr Glück zu finden. Ein Schauspielfest: Harvey Keitel brilliert in einer Nebenrolle als Ben, der vom reizenden Witwenverführer zum amoklaufenden Wüstling mutiert und Jodie Foster gibt ihr Filmdebüt. Während Burstyns eigener Adoptivsohn in einer Nebenrolle auftritt, liefert sie sich köstliche Screwball-Wortgefechte mit ihrem altklugen Filmkind, Alfred Lutter. Regisseur Martin Scorsese war begeistert von ihrer tragikomischen Wendigkeit: „Ellen wechselt zum Slapstick mitten in der fürchterlichsten Situation“.

 

Am Schluss gibt Alice ihren Sängerinnentraum auf. „Ich hab’ einen Wackler in der Stimme“, bekennt sie. Das könnte auch Ellen Burstyn sagen, zu deren besonderen Kennzeichen neben dem sinnlichen Mund und den vor Energie sprühenden Augen immer das eigentümliche Vibrato ihrer Stimme gehört hat. Ein Timbre, an dem erstklassige Synchronsprecherinnen gescheitert sind (Agnes Fink, Judy Winter) und das einem durch Mark und Bein fährt, wenn Burstyn etwa die fürchterliche Einsamkeit der alternden Sara Goldfarb mitschwingen lässt. „I’m lonely. I’m old“ – wie verloren das klingt! Der Independent-Produktion „Requiem for a Dream“ und ihrem damals gerade 30-jährigen Regisseur Darren Aronofsky verdankte die Schauspielerin nach vielen künstlerisch mageren Jahren ihren späten Wiedereintritt ins Bewusstsein der Cinéasten, eine Einladung nach Cannes – und ihre sechste Oscar-Nominierung. Die tablettensüchtige, nach einem Auftritt in einer TV-Gameshow gierende Seniorin verkörpert die Darstellerin mit einer Bereitschaft, privateste Empfindungen vor der Kamera offenzulegen. In „Requiem“ gelang Burstyn ihr erschütterndstes Frauenportrait.

 

Von ähnlicher Zerbrechlichkeit ist ihre herzkranke Unterschichtmutter in James Grays Familientragödie „The Yards – im Hinterhof der Macht“ an der Seite Mark Wahlbergs. „Ein schöner Film, wundervoll“, schwärmte Burstyn und gab ihrer Verwunderung darüber Ausdruck, dass „die US-Kritiker mit Hackmessern auf ihn losgegangen“ seien. Irritation hat im vergangenen Jahr Burstyns Nominierung für einen Emmy Award ausgelöst, die einer 14-Sekunden-Performance im Fernsehen galt, aber die Aktrice wollte den Wirbel nicht kommentieren. Die Vielbeschäftigte hat allein 2007 sechs Filmauftritte absolviert. Zurzeit dreht sie eine Weihnachtsgeschichte über Liebe im Alter mit Martin Landau, ihr Regisseur Nik Fackler ist 23 Jahre alt. Unerfüllte Träume? Sie habe immer die Heilige Johanna spielen wollen, bekannte Burstyn in einem Interview – „Inzwischen frage ich mich, ob vielleicht Johannas Mutter eine Geschichte hergibt. Wenn ich mich nicht beeile, muss ich ihre Großmutter spielen.“

 

Jens Hinrichsen

Dieser Text ist zuerst erschienen in: film-dienst

 

zur startseite

zum archiv

zu den essays